RU-digitalRU-digital-logo
1 Bild
Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH

Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH

Kein Aufbruch ohne Volk

Veröffentlichung:1.1.2019

Der Fachartikel wurde von Ralph Neuberth unter dem Titel: „Kein Aufbruch ohne Volk. Ermutigungen aus der Apostelgeschichte“ verfasst. Der Artikel umfasst sechs Seiten und erschien in Bibel und Kirche 2/2013. Neuberth untersucht anhand der Apostelgeschichte, was es bedeutet, Kirche als Volk Gottes zu verstehen. Im Mittelpunkt stehen die Beteiligung aller Gläubigen, das Wirken des Heiligen Geistes, die gemeinsame Verantwortung für die Kirche und die Frage, wie kirchliche Strukturen verändert werden können, damit sie dem Auftrag der Kirche dienen.

Der Fachartikel behandelt mehrere theologische Probleme. Dazu gehören das Verhältnis von kirchlichem Amt und Gemeinde, die Frage nach Partizipation und Demokratie in der Kirche, die Bedeutung des Heiligen Geistes für alle Gläubigen, der Umgang mit Konflikten, die Veränderbarkeit kirchlicher Strukturen und der missionarische Auftrag der Kirche. Besonders wichtig ist die Frage, ob nur kirchliche Amtsträger Verantwortung tragen oder ob das gesamte Volk Gottes an Entscheidungen über die Zukunft der Kirche beteiligt sein soll. Neuberth vertritt auf Grundlage der Apostelgeschichte die Auffassung, dass die Geistgabe allen Gläubigen zukommt und daraus eine gemeinsame Verantwortung entsteht.

Products

Ralph Neuberth beginnt seinen Artikel mit einem Blick auf die Entwicklung der katholischen Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Das Konzil hat das Verständnis der Kirche als Volk Gottes wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt. Dadurch entstand eine breite Diskussion über Partizipation und Demokratie innerhalb der katholischen Kirche. Die Gemeinsame Synode der deutschen Bistümer in Würzburg griff diese Gedanken auf und entwickelte ein Modell kirchlicher Beteiligung. Neuberth stellt jedoch fest, dass von der damaligen Aufbruchsstimmung nur wenig geblieben ist. Obwohl weiterhin mehr Mitbestimmung in der Kirche gefordert wird, sieht er das Volk Gottes an wichtigen Entscheidungen über die Zukunft der Kirche nicht ausreichend beteiligt. Gleichzeitig befindet sich die Kirche angesichts sinkender Mitgliederzahlen, zurückgehender Priesterzahlen, des Vertrauensverlustes durch Missbrauchsfälle und einer pluraler werdenden Gesellschaft in einer schwierigen Situation.

Neuberth fragt deshalb, welche Impulse die Apostelgeschichte für die Kirche der Gegenwart geben kann. Für Lukas ist die Verbindung zwischen der jungen Kirche und dem Leben und Wirken Jesu von großer Bedeutung. Die Apostel besitzen als Zeugen Jesu eine besondere Stellung. Sie erhalten die letzten Anweisungen Jesu, bilden das Zentrum der Jerusalemer Gemeinde und empfangen gemeinsam mit der Gemeinde den Heiligen Geist. Dennoch beschreibt Lukas die Kirche nicht als Gemeinschaft, in der allein die Apostel handeln und entscheiden. Vielmehr erhält die gesamte Gemeinschaft eine wichtige Bedeutung.

Neuberth weist darauf hin, dass die Anfänge der Kirche keineswegs so harmonisch waren, wie sie manchmal dargestellt werden. Die junge christliche Gemeinschaft musste schon früh interne Konflikte lösen und sich mit ihrer religiösen und gesellschaftlichen Umwelt auseinandersetzen. Sie begegnete jüdischen Gemeinden, staatlichen Stellen, der antiken Volksreligiosität, dem Kaiserkult und anderen religiösen Vorstellungen. Die Apostelgeschichte zeigt nach Neuberth, dass die Kirche auf diese Herausforderungen nicht mit Rückzug reagierte. Sie suchte vielmehr eine offene und zugleich selbstbewusste Auseinandersetzung mit ihrer Umwelt.

Ein Beispiel dafür ist die Rede des Paulus auf dem Areopag in Athen. Paulus nimmt die religiösen Vorstellungen der Menschen ernst und knüpft an ihre Lebenswelt an. Er spricht in einer Weise, die für seine Zuhörenden verständlich ist. Gleichzeitig verschweigt er seine eigene christliche Überzeugung nicht. Für Neuberth wird daran deutlich, dass die Kirche offen auf eine pluralistische Gesellschaft zugehen kann, ohne dabei ihre eigene Identität aufzugeben. Offenheit bedeutet deshalb nicht einfache Anpassung, sondern eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der jeweiligen Zeit.

Neuberth erkennt in der Apostelgeschichte drei wesentliche Grundlagen für den Aufbruch der Kirche. Die erste Grundlage ist der Auftrag der Kirche. Der Auferstandene beauftragt seine Anhänger, seine Zeugen in Jerusalem, Judäa, Samaria und bis an die Grenzen der Erde zu sein. Die Verkündigung des Evangeliums ist damit das entscheidende Ziel. Die junge Kirche soll das fortsetzen, was Jesus gelebt und gelehrt hat. Dazu gehören besonders die Gottesliebe und die Nächstenliebe. Alles, was diesen Auftrag behindert, muss überprüft und gegebenenfalls verändert werden.

Die zweite Grundlage ist die Kraft des Heiligen Geistes. Beim Pfingstereignis empfangen nicht nur die Apostel den Geist Gottes. Die gesamte versammelte Gemeinschaft wird vom Heiligen Geist erfüllt. Neuberth versteht dies als grundlegende Gleichberechtigung innerhalb des Volkes Gottes. Die Geistgabe ist nicht mehr das Privileg einzelner hervorgehobener Personen, sondern eine Gabe für alle Mitglieder der Gemeinschaft. Der Heilige Geist begleitet die Kirche, befähigt Menschen für bestimmte Aufgaben und ist an wichtigen Entscheidungen beteiligt. Er schenkt den Menschen Mut, sich zu öffnen, Veränderungen zuzulassen und Neues zu wagen.

Die dritte Grundlage ist die gemeinsame Verantwortung. Weil der Heilige Geist allen gegeben wird, sind auch alle grundsätzlich zur Mitverantwortung befähigt. Nach Neuberths Auslegung der Apostelgeschichte sind es deshalb nicht einzelne Personen, die allein über die Zukunft der Kirche bestimmen. Die Gemeinschaft der Gläubigen übernimmt gemeinsam Verantwortung. Dabei finden sich in der Apostelgeschichte Formen gemeinschaftlicher und partizipativer Entscheidungsfindung. Diese Beteiligung stärkt die Gemeinschaft und hilft ihr, gemeinsame Ziele zu verfolgen und Konflikte zu lösen.

Besonders deutlich wird dieses Verständnis in Apostelgeschichte 6. Die Jerusalemer Gemeinde ist gewachsen und zwischen verschiedenen Gruppen entstehen Konflikte. Die bisherigen Strukturen reichen nicht mehr aus. Die Apostel entscheiden das Problem jedoch nicht allein. Sie rufen die Versammlung der Gemeinde zusammen und schlagen die Einrichtung einer neuen Aufgabe vor. Anschließend wählt die Gemeinde geeignete Personen aus. Neuberth erkennt darin ein Beispiel dafür, dass kirchliche Autoritäten Verantwortung mit der Gemeinschaft teilen können. Vor allem zeigt die Erzählung für ihn, dass kirchliche Strukturen verändert werden dürfen und sogar verändert werden müssen, wenn sie ihren Zweck nicht mehr erfüllen. Die Strukturen sollen dem Auftrag der Kirche dienen und nicht der Auftrag den bestehenden Strukturen.

Ein weiteres Beispiel findet Neuberth in Apostelgeschichte 13. In Antiochia werden Barnabas und Saulus für einen missionarischen Auftrag ausgewählt. Diese Beauftragung geschieht im Rahmen der Gemeinde und wird mit dem Wirken des Heiligen Geistes verbunden. Die Missionsreise ist deshalb nicht nur die persönliche Entscheidung einzelner Missionare. Sie ist ein Projekt der gesamten Gemeinde. Nach ihrer Rückkehr berichten Barnabas und Paulus der Gemeinde über ihre Tätigkeit. Für Neuberth zeigt sich hier ein Zusammenspiel zwischen Gottes Handeln und menschlichem Handeln. Der Heilige Geist wirkt in und durch die Gemeinschaft der Gläubigen.

Besonders ausführlich beschäftigt sich der Artikel mit Apostelgeschichte 15. In der jungen Kirche entsteht ein Konflikt darüber, wie mit der Mission unter Menschen umgegangen werden soll, die nicht aus dem Judentum stammen. Diese Frage wird nicht von einer einzelnen Person entschieden. Vertreter bringen das Problem nach Jerusalem. Dort wird es von der Gemeinde gemeinsam mit den Aposteln und Ältesten beraten. Die verschiedenen Positionen werden erörtert und schließlich wird von der gesamten Versammlung eine gemeinsame Lösung beschlossen. Neuberth betrachtet dieses Verfahren als Beispiel für eine transparente, faire und partizipative Konfliktlösung.

Dabei spielt wiederum der Heilige Geist eine zentrale Rolle. Die Entscheidung der Jerusalemer Versammlung wird als gemeinsames Handeln von Gottes Geist und der menschlichen Gemeinschaft verstanden. Deshalb hält Neuberth die Bezeichnung Apostelkonzil für ungenau. Nicht nur die Apostel sind an der Entscheidung beteiligt. Auch die Ältesten und die Gemeinde wirken mit. Er bevorzugt deshalb die Bezeichnung Jerusalemer Versammlung oder Synode. Amt und Gemeinde werden nicht als Gegensätze dargestellt, sondern wirken gemeinsam.

Am Ende des Artikels stellt Neuberth die Frage, ob diese Entscheidungsformen tatsächlich als demokratisch bezeichnet werden sollten. Für seine zentrale Aussage ist die Bezeichnung jedoch weniger wichtig. Entscheidend ist, dass die Apostelgeschichte zu Mut und gemeinsamer Verantwortung ermutigt. Kirche muss bereit sein, bestehende Strukturen zu hinterfragen, neue Aufgaben und Ämter zu schaffen, neue Projekte zu beginnen und Konflikte offen und gemeinschaftlich zu lösen. Die Kraft dazu kommt nach dem Verständnis der Apostelgeschichte von Gott. Sein Geist wirkt nicht nur durch einzelne Amtsträger, sondern in der gesamten Gemeinschaft. Das Volk Gottes wird dadurch befähigt, die Zukunft der Kirche gemeinsam zu gestalten. Neuberths zentrale These lautet deshalb: Ohne die Beteiligung des Volkes Gottes kann es keinen wirklichen kirchlichen Aufbruch geben.

Für den Religionsunterricht eignet sich der Fachartikel besonders zur Auseinandersetzung mit dem biblischen Kirchenverständnis. Lernende können untersuchen, welche Bedeutung das Bild vom Volk Gottes besitzt, wie die Apostelgeschichte das Verhältnis von Amt und Gemeinde beschreibt und welche Rolle der Heilige Geist bei Entscheidungen spielt. Darüber hinaus ermöglicht der Artikel eine Diskussion darüber, in welchem Umfang Partizipation, gemeinsame Verantwortung und demokratische Verfahren mit einem christlichen Verständnis von Kirche vereinbar sind.

Hessen

Hessen

Sekundarstufe II | E2 Gotteswort im Menschenwort – Themen der Bibel und ihre Aneignung

E2.1 Glaubensdokumente in wissenschaftlicher und persönlicher Aneignung.

Sekundarstufe II | Q4 Kirche – Gemeinde Jesu Christi

Q4.1 Selbstverständnis der Kirche.

Q4.2 Sendung und Auftrag der Kirche.

Rheinland-Pfalz

Rheinland-Pfalz

Sekundarstufe II | 11/2 Der Mensch auf der Suche nach Gott

11.2 / 4. Die Bibel: Gesammelte Gotteserfahrungen.

Sekundarstufe II | 13 Der Mensch und seine Zukunft - Die Zukunft der Menschheit

13 / 7. Zukunft der Glaubenden.

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell, während andere uns helfen, diese Website und Ihre Erfahrung zu verbessern Datenschutz.