Der Fachartikel von Clauß Peter Sajak untersucht das Zeugnislernen als Methode des interreligiösen Lernens im schulischen Religionsunterricht. Ausgangspunkt ist die Frage, wie Kinder unterschiedliche Religionen kennenlernen können, wenn eine unmittelbare Begegnung mit Angehörigen anderer Religionsgemeinschaften nicht möglich ist. Der Autor weist darauf hin, dass persönliche Begegnungen zwischen Menschen verschiedener religiöser Zugehörigkeit zwar als besonders wertvoll für das interreligiöse Lernen gelten, im schulischen Alltag jedoch nicht immer organisiert werden können. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass der Religionsunterricht in vielen deutschen Bundesländern weiterhin nach Konfessionen getrennt stattfindet. Deshalb werden Unterrichtsmethoden benötigt, die auch ohne persönliche Begegnungen ein angemessenes Verständnis anderer Religionen ermöglichen.
Eine solche Methode ist das Zeugnislernen. Dabei beschäftigen sich Lernende mit Gegenständen, die in religiösen Traditionen eine besondere Bedeutung besitzen und bei religiösen Handlungen verwendet werden. Beispiele sind die jüdische Kippa, das christliche Kreuz oder der islamische Koran. Diese Gegenstände werden nicht nur als materielle Dinge betrachtet, sondern als Ausdruck einer bestimmten Glaubenspraxis verstanden. Sie geben Zeugnis davon, wie Menschen ihren Glauben leben, welche Rituale sie vollziehen und welche Bedeutung sie religiösen Traditionen beimessen. Der Autor erläutert, dass für diese Gegenstände unterschiedliche Bezeichnungen verwendet werden. In der englischen Religionspädagogik ist häufig von religiösen Artefakten oder Gaben die Rede, während im deutschsprachigen Raum der Begriff des religiösen Zeugnisses verbreitet ist.
Der Begriff Zeugnis wird vom Autor besonders hervorgehoben, weil er die Beziehung zwischen dem religiösen Gegenstand und den Menschen verdeutlicht, die ihn verwenden. Ein religiöser Gegenstand besitzt seine Bedeutung nicht allein aufgrund seines Materials oder seiner äußeren Gestaltung. Entscheidend ist vielmehr, welche Rolle er im Glaubensleben einer Religionsgemeinschaft spielt. Ein Kreuz kann beispielsweise Ausdruck des christlichen Glaubens an Jesus Christus sein, während eine Kippa auf bestimmte Formen jüdischer Religionspraxis verweist. Solche Gegenstände stehen in Verbindung mit religiösen Überzeugungen, Erfahrungen und Handlungen. Sie können deshalb helfen, einen Zugang zur religiösen Lebenswelt anderer Menschen zu eröffnen.
Um die Entstehung des Zeugnislernens zu erklären, betrachtet der Autor zunächst die Entwicklung des Religionsunterrichts in England. Dort veränderte sich die religiöse Zusammensetzung der Gesellschaft im Verlauf des zwanzigsten Jahrhunderts erheblich. Durch Migration aus ehemaligen britischen Kolonien wuchs die Zahl von Kindern, die muslimischen, hinduistischen, buddhistischen oder anderen religiösen Traditionen angehörten. Die bisherige Ausrichtung des Religionsunterrichts auf das Christentum wurde dadurch zunehmend infrage gestellt. Es entstand die Notwendigkeit, einen Unterricht zu entwickeln, der unterschiedliche Religionen berücksichtigt und die religiösen Rechte aller Lernenden respektiert.
Ein wichtiger Schritt war der Lehrplan von Birmingham aus dem Jahr 1975. Dieser sah einen Religionsunterricht vor, der verschiedene Religionen behandelt und auf religiöse Verkündigung verzichtet. Lehrkräfte sollten die Glaubensvorstellungen unterschiedlicher Religionsgemeinschaften möglichst sachlich darstellen, ohne die Lernenden zu einer bestimmten religiösen Überzeugung zu führen. Damit wurde die Grundlage für einen multireligiösen Religionsunterricht geschaffen. Gleichzeitig entstand die didaktische Herausforderung, Religionen nicht nur als Ansammlung von Informationen zu vermitteln, sondern auch ihre Bedeutung für das Leben gläubiger Menschen verständlich zu machen.
Der Autor stellt anschließend verschiedene religionspädagogische Ansätze vor, die in England entwickelt wurden. Ein wichtiger Ansatz stammt von Ninian Smart. Dieser wollte Religionen durch die möglichst genaue Beobachtung und Beschreibung ihrer Erscheinungsformen erschließen. Dazu gehören religiöse Lehren, Erzählungen, ethische Vorstellungen, Rituale, Erfahrungen und soziale Organisationsformen. Die Lernenden sollten andere Religionen zunächst möglichst unvoreingenommen betrachten und ihre eigenen Vorstellungen zurückstellen. Ziel war es, religiöse Unterschiede sachlich wahrzunehmen und zu verstehen.
Dieser beschreibende Zugang wurde jedoch zunehmend kritisiert. Zwar ermöglichte er eine sachliche Vermittlung religiösen Wissens, die persönliche und spirituelle Bedeutung von Religion blieb aber häufig im Hintergrund. Die Lernenden erfuhren beispielsweise, welche Rituale in einer Religion vorkommen, ohne unbedingt nachvollziehen zu können, weshalb diese Handlungen für gläubige Menschen wichtig sind. Aus dieser Kritik entstanden stärker erfahrungsorientierte Unterrichtsansätze. Sie sollten Lernenden ermöglichen, sich emotional und persönlich mit religiösen Themen auseinanderzusetzen.
Solche erfahrungsorientierten Methoden brachten allerdings neue Schwierigkeiten mit sich. Wenn Lernende im Unterricht religiöse Handlungen nachahmen oder sich intensiv in fremde Glaubenswelten hineinversetzen, kann die Grenze zwischen dem Kennenlernen einer Religion und der Teilnahme an ihrer Glaubenspraxis verschwimmen. Daraus ergibt sich die Gefahr religiöser Vereinnahmung. Der Autor verdeutlicht, dass schulischer Religionsunterricht die persönliche Religionsfreiheit der Lernenden respektieren muss. Niemand darf dazu gedrängt werden, religiöse Erfahrungen zu machen oder Handlungen auszuführen, die den eigenen Überzeugungen widersprechen.
Einen weiteren wichtigen Ansatz entwickelte Robert Jackson. Er betonte, dass Menschen anderen Religionen niemals völlig ohne eigene Erfahrungen und Vorstellungen begegnen. Deshalb sollten die religiösen und kulturellen Hintergründe der Lernenden nicht ausgeblendet, sondern bewusst in den Lernprozess einbezogen werden. Jackson entwickelte einen interpretativen Ansatz, der auf der konkreten religiösen Lebenspraxis von Menschen beruht. Mithilfe von Bildern, Interviews und Erzählungen sollten Lernende erfahren, wie Angehörige unterschiedlicher Religionsgemeinschaften ihren Glauben im Alltag leben. Dabei sollten sie ihre eigenen Erfahrungen mit den Vorstellungen anderer Menschen vergleichen können. Ziel war es, Verständnis für religiöse Unterschiede zu entwickeln, ohne die Grenzen zwischen den Religionen aufzuheben.
Vor diesem Hintergrund erläutert der Autor das Konzept „A Gift to the Child“, das von John M. Hull entwickelt wurde. Dieses Konzept verbindet Elemente der sachlichen Religionsbeschreibung, des erfahrungsorientierten Lernens und des interpretativen Zugangs. Ausgangspunkt ist ein religiöser Gegenstand oder ein anderes religiös bedeutsames Element, das den Lernenden vorgestellt wird. Dabei kann es sich um ein materielles Objekt, einen religiösen Klang, eine Geschichte, eine Person oder ein Symbol handeln. Entscheidend ist, dass dieses Element für die betreffende Religion eine besondere Bedeutung besitzt und geeignet ist, einen Zugang zu ihrer Glaubenspraxis zu eröffnen.
Die Bezeichnung als Gabe soll verdeutlichen, dass die Begegnung mit einem religiösen Zeugnis eine Bereicherung für die persönliche Entwicklung der Lernenden darstellen kann. Dabei wird nicht vorausgesetzt, dass die Lernenden selbst religiös sind oder die dargestellte Religion übernehmen möchten. Vielmehr soll ihnen die Möglichkeit eröffnet werden, eine fremde religiöse Tradition kennenzulernen und darüber nachzudenken, welche Bedeutung die Begegnung für ihr eigenes Leben besitzen könnte. Die Methode verbindet deshalb religiöses Wissen mit persönlicher Reflexion.
Der Unterrichtsprozess nach Hull besteht aus vier aufeinanderfolgenden Phasen. In der ersten Phase geht es um die innere Beteiligung der Lernenden. Ein religiöser Gegenstand wird so vorgestellt, dass er Aufmerksamkeit und Interesse weckt. Beispielsweise kann eine religiöse Statue zunächst verdeckt und anschließend schrittweise enthüllt werden. Die Lernenden beschreiben, was sie wahrnehmen, und äußern erste Vermutungen. Dadurch entsteht eine persönliche Annäherung an den Gegenstand.
In der zweiten Phase erfolgt die Exploration. Nun beschäftigen sich die Lernenden genauer mit dem religiösen Zeugnis. Sie betrachten seine Gestaltung, untersuchen seine Eigenschaften und versuchen, seine Besonderheiten zu erkennen. Bei einem religiösen Gegenstand kann dies durch genaues Anschauen und gegebenenfalls durch vorsichtiges Berühren geschehen. Bei einem religiösen Klang kann das vollständige Anhören im Mittelpunkt stehen. Ziel ist es, den Gegenstand aufmerksam wahrzunehmen und erste Zugänge zu seiner Bedeutung zu entwickeln.
Die dritte Phase ist die Kontextualisierung. Dabei wird der Gegenstand in den Zusammenhang der religiösen Tradition eingeordnet, aus der er stammt. Die Lernenden erfahren, wann und wie er verwendet wird, welche Bedeutung er besitzt und welche Glaubensvorstellungen mit ihm verbunden sind. Eine religiöse Statue kann beispielsweise in ihrer Verwendung innerhalb eines Schreins gezeigt werden. Ein islamischer Gebetsruf wird im Zusammenhang mit dem Gebet erklärt. Ein christliches Symbol wird mit entsprechenden biblischen Erzählungen oder religiösen Handlungen verbunden. Durch diese Einordnung wird deutlich, dass religiöse Gegenstände nicht isoliert betrachtet werden dürfen, sondern Teil einer umfassenden Glaubenspraxis sind.
In der vierten Phase steht die Reflexion im Mittelpunkt. Die Lernenden setzen sich mit der Frage auseinander, welche Gedanken und Erfahrungen die Begegnung mit dem religiösen Zeugnis bei ihnen ausgelöst hat. Sie können eigene Vorstellungen formulieren, Unterschiede zu ihrem persönlichen Leben erkennen oder über Gemeinsamkeiten nachdenken. Beispielsweise können sie überlegen, welche Symbole ihnen selbst wichtig sind oder welche Bedeutung bestimmte Rituale in ihrem Alltag besitzen. Die Reflexion soll eine Verbindung zwischen dem kennengelernten religiösen Zeugnis und der eigenen Lebenswelt herstellen.
Der Autor betont, dass die Verbindung von Annäherung und Distanzierung für diese Methode entscheidend ist. Die Lernenden sollen sich einem religiösen Gegenstand zunächst offen und interessiert nähern können. Gleichzeitig müssen sie die Möglichkeit erhalten, ihn aus einer gewissen Distanz zu betrachten und seine Bedeutung sachlich einzuordnen. Dadurch wird verhindert, dass die Beschäftigung mit einer fremden Religion zu einer ungewollten religiösen Unterweisung wird. Das Recht der Lernenden, eine Religion kennenzulernen, wird ebenso berücksichtigt wie ihr Recht, sich von dieser Religion abzugrenzen.
Anschließend beschreibt der Autor, wie das englische Konzept in die deutsche Religionspädagogik übernommen wurde. Eine wichtige Rolle spielte dabei Karlo Meyer, der das Lernen mit religiösen Zeugnissen in seine didaktischen Überlegungen einbezog. Clauß Peter Sajak entwickelte den Ansatz später für die schulische Praxis weiter und veröffentlichte das Werkbuch „Kippa, Kelch, Koran“. Darin wurden ausgewählte religiöse Gegenstände aus Judentum, Christentum und Islam vorgestellt und mit konkreten Unterrichtsvorschlägen verbunden.
Für die Unterrichtsplanung wurde das ursprüngliche Modell von Hull um weitere didaktische Überlegungen ergänzt. Lehrkräfte sollten zunächst festlegen, welche Kompetenzen die Lernenden erwerben sollen. Anschließend mussten sie sich mit der religiösen Bedeutung des ausgewählten Gegenstands beschäftigen und ein konkretes Unterrichtsziel formulieren. Erst danach wurde die methodische Umsetzung anhand der vier Phasen geplant. Damit sollte sichergestellt werden, dass religiöse Gegenstände nicht lediglich zur Veranschaulichung verwendet werden, sondern einen fachlich begründeten Beitrag zum interreligiösen Lernen leisten.
Der Autor erläutert außerdem die Bedeutung der Materialität religiöser Gegenstände. Das Zeugnislernen bietet die Möglichkeit, Religionen nicht ausschließlich über Texte und Erklärungen kennenzulernen. Vielmehr können Lernende religiöse Gegenstände unmittelbar wahrnehmen und ihre Bedeutung anhand konkreter Beispiele erschließen. Dadurch werden unterschiedliche Sinne angesprochen und abstrakte religiöse Begriffe anschaulicher. Fotografien und Bildkarten können diese Arbeit ergänzen, ersetzen nach Auffassung des Autors jedoch nicht vollständig die Begegnung mit einem tatsächlichen Gegenstand. Ein reales religiöses Zeugnis eröffnet andere Wahrnehmungsmöglichkeiten als seine bildliche Darstellung.
Im weiteren Verlauf stellt der Autor die überarbeitete Neuausgabe des Praxisbuchs „Kippa, Kelch, Koran“ vor. Diese wurde gemeinsam von Fachleuten aus dem Judentum, Christentum und Islam entwickelt. Der trialogische Ansatz soll sicherstellen, dass die jeweiligen religiösen Traditionen aus einer fachlich angemessenen Perspektive dargestellt werden. Die Auswahl der Gegenstände wurde deshalb von Personen vorgenommen, die mit der jeweiligen Religion besonders vertraut sind. Der Schwerpunkt liegt auf dem Religionsunterricht der Grundschule.
Für das Judentum wurden unter anderem die Torarolle, der Torazeiger, der Gebetsschal, die Gebetsriemen, die Mesusa, die Kippa und der Chanukkaleuchter ausgewählt. Für das Christentum gehören beispielsweise das Kreuz, die Osterkerze, der Kelch, die Bibel, der Rosenkranz und die Ikone zu den behandelten Gegenständen. Für den Islam werden unter anderem der Koran, der Gebetsteppich, die Gebetskette, die Dattel zum Fastenbrechen und das Pilgergewand vorgestellt. Diese Auswahl verdeutlicht die Vielfalt religiöser Ausdrucksformen innerhalb der drei abrahamischen Religionen.
Bei der Auswahl der Gegenstände orientierten sich die Beteiligten an bildungstheoretischen Überlegungen. Ein religiöses Zeugnis soll einerseits eine grundlegende Bedeutung für die jeweilige Glaubenstradition besitzen. Andererseits muss es für die Lernenden verständlich und für ihre persönliche Entwicklung bedeutsam sein. Der Autor greift dabei auf die bildungstheoretischen Vorstellungen von Wolfgang Klafki und Karl Ernst Nipkow zurück. Entscheidend ist, dass ein einzelner Gegenstand exemplarisch wichtige Aspekte einer Religion erschließen kann. Die Lernenden sollen also nicht möglichst viele religiöse Gegenstände auswendig lernen, sondern an ausgewählten Beispielen grundlegende Zusammenhänge religiösen Lebens verstehen.
Ein wichtiger Teil des Artikels beschäftigt sich mit der wissenschaftlichen Untersuchung des Zeugnislernens in der schulischen Praxis. Im ersten Halbjahr des Schuljahres 2022/2023 wurde die Methode an verschiedenen Grundschulen im Münsterland erprobt. Insgesamt nahmen zehn Klassen mit 220 Lernenden teil. Die Unterrichtssequenzen wurden von neun Lehrerinnen und einem Lehrer durchgeführt. Die meisten Lerngruppen gehörten der vierten Jahrgangsstufe an. Die Lehrkräfte konnten selbst auswählen, welchen religiösen Gegenstand sie im Unterricht behandeln wollten.
Um die Lernwirkungen zu untersuchen, wurden die Kenntnisse der Lernenden vor und nach der Unterrichtssequenz mithilfe kindgerechter Fragebögen erfasst. Dabei wurde unter anderem gefragt, was die Kinder über die jeweilige Religion wussten, welche religiösen Gegenstände sie erkennen konnten und ob sie deren Verwendung erklären konnten. Zusätzlich wurde untersucht, ob die Lernenden Personen aus den entsprechenden Religionsgemeinschaften kannten. Auf diese Weise sollte festgestellt werden, ob sich durch das Zeugnislernen sowohl das allgemeine Religionswissen als auch das konkrete Verständnis religiöser Gegenstände verbessert hatte.
Die Untersuchung zeigte, dass besonders häufig Gegenstände aus dem Judentum und Christentum behandelt wurden. Dazu gehörten beispielsweise die Torarolle, die Kippa, die Mesusa, die Bibel, das Kreuz und der Rosenkranz. Aus dem Islam wurde in den untersuchten Unterrichtssequenzen ausschließlich der Gebetsteppich ausgewählt. Trotz dieser unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen zeigte sich insgesamt ein deutlicher Lernzuwachs. Die Lernenden verfügten nach dem Unterricht über mehr Wissen zur behandelten Religion und konnten die religiösen Gegenstände besser benennen und ihre Verwendung genauer erklären. Der Autor berichtet, dass diese Verbesserungen statistisch signifikant waren.
Auch die Rückmeldungen der beteiligten Lehrkräfte fielen überwiegend positiv aus. Alle zehn Lehrkräfte bewerteten die Unterrichtssequenzen als gut strukturiert und für den Unterricht geeignet. Besonders hervorgehoben wurde, dass die religiösen Gegenstände bei den Lernenden Interesse weckten und abstrakte religiöse Begriffe verständlicher machten. Die Lehrkräfte beobachteten deutliche Lernfortschritte und bestätigten damit die Ergebnisse der Fragebögen. Das begleitende Unterrichtsmaterial mit Fotografien und methodischen Vorschlägen wurde ebenfalls positiv beurteilt.
Allerdings wurden auch Grenzen der Methode sichtbar. Nur vier der zehn Lehrkräfte verwendeten zusätzlich zu den Bildmaterialien einen tatsächlichen religiösen Gegenstand. Dies zeigt, dass die unmittelbare Begegnung mit materiellen Zeugnissen in der untersuchten Praxis nicht durchgängig stattfand. Außerdem äußerten zwei Lehrkräfte Bedenken hinsichtlich der Anforderungen an jüngere Kinder. Sie berichteten, dass bestimmte religiöse Inhalte für Lernende der zweiten oder dritten Jahrgangsstufe zu anspruchsvoll gewesen seien. Deshalb hielten sie einen Einsatz der Methode erst ab der vierten Klasse für sinnvoll. Der Autor macht damit deutlich, dass die Auswahl religiöser Gegenstände und die Gestaltung der Unterrichtssequenzen an die jeweiligen Lernvoraussetzungen angepasst werden müssen.
Zum Abschluss bewertet der Autor das Zeugnislernen als eine vielversprechende Methode für den interreligiösen Religionsunterricht. Die Untersuchung zeigt, dass sich mit religiösen Gegenständen sowohl Wissen über Religionen als auch die Fähigkeit zur Deutung religiöser Praktiken fördern lassen. Zugleich bleibt weiterer Forschungsbedarf bestehen. Insbesondere ist noch nicht ausreichend geklärt, wie Lernende religiöse Gegenstände während des Unterrichts tatsächlich wahrnehmen, welche Gedanken sie dabei entwickeln und wie sie die gewonnenen Erkenntnisse in ihr eigenes Verständnis von Religion einordnen. Der Autor schlägt deshalb weiterführende Untersuchungen vor, bei denen Unterrichtsprozesse beispielsweise mithilfe von Videoaufzeichnungen genauer analysiert werden.
Für Lehrkräfte bietet der Fachartikel eine wichtige Orientierung zur Gestaltung interreligiöser Lernprozesse. Er verdeutlicht, dass religiöse Gegenstände einen anschaulichen und lebensnahen Zugang zu Judentum, Christentum und Islam eröffnen können. Dabei ist es entscheidend, die Gegenstände nicht nur zu zeigen, sondern ihre Bedeutung innerhalb der jeweiligen religiösen Praxis sorgfältig zu erklären. Ebenso wichtig ist es, den Lernenden Raum für persönliche Fragen, eigene Deutungen und kritische Distanz zu geben. Zeugnislernen kann damit dazu beitragen, religiöse Vielfalt verständlich zu machen, Vorurteile abzubauen und einen respektvollen Umgang mit unterschiedlichen Glaubensvorstellungen zu fördern. Die im Artikel nachgewiesenen Lernfortschritte beziehen sich allerdings vor allem auf religiöses Wissen und die Fähigkeit, Gegenstände zu erkennen und zu erklären. Ob sich dadurch langfristig auch religiöse Einstellungen und das Verhalten gegenüber Angehörigen anderer Religionen verändern, bleibt eine offene Forschungsfrage.