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Vandenhoeck Ruprecht | Religion unterrichten

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Die Gottesfrage aus jüdischer Perspektive

Veröffentlichung:1.1.2020

Der Artikel ist im Heft Religion unterrichten unter dem Titel „Die Gottesfrage aus jüdischer Perspektive“ enthalten. Im vorliegenden Auszug beginnt er auf Seite 23 und reicht Seiten 23 und 26.

Der Fachartikel gibt einen Überblick darüber, wie im Judentum über Gott nachgedacht und gesprochen wird. Er zeigt, dass es im Judentum keine einzige geschlossene Antwort auf die Gottesfrage gibt, sondern unterschiedliche Deutungen aus Bibel, Liturgie, rabbinischer Tradition, Philosophie, Mystik und Moderne. Theologisch behandelt der Artikel vor allem die Probleme der Einheit Gottes, der Barmherzigkeit Gottes, der Erkennbarkeit Gottes, des Verhältnisses von Gottesrede und menschlichem Handeln sowie die Krise der Gottesfrage nach der Schoah.

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Der Artikel zeigt, dass die Gottesfrage aus jüdischer Perspektive nur in großer Vielfalt beantwortet werden kann. Jüdische Gottesvorstellungen haben sich in unterschiedlichen Zeiten und kulturellen Zusammenhängen entwickelt und stehen oft im Austausch mit der jeweiligen Mehrheitskultur. Deshalb bietet der Beitrag keine vollständige Darstellung, sondern einen Überblick über zentrale Zugänge.

Zunächst richtet sich der Blick auf Bibel, Liturgie und rabbinische Literatur. Im Judentum ist die Bibel vor allem ein gehörter und rezitierter Text. Besonders wichtig für die Gottesfrage sind das Schma Jisrael aus dem Deuteronomium und die dreizehn Eigenschaften der Barmherzigkeit aus dem Buch Exodus. Im Schma wird Gottes Einheit betont. Zugleich wird deutlich, dass Gott im Hören erfahren wird und menschliche Antwort in Liebe besteht. Die dreizehn Eigenschaften beschreiben Gott als barmherzig, gnädig, langmütig und vergebend. Damit stehen Gottes Einheit und Gottes Barmherzigkeit im Zentrum jüdischer Liturgie. Ergänzt wird dies durch prophetische und poetische Texte, die Gottes Heiligkeit hervorheben. Heiligkeit wird dabei nicht als abstrakt mystisch verstanden, sondern zeigt sich in Gottes gerechtem Handeln für Unterdrückte, Hungrige, Gefangene, Blinde, Fremde, Waisen und Witwen. Daraus ergibt sich eine ethische Konsequenz. Die Frage nach Gott ist immer auch mit der Frage verbunden, wie Menschen handeln sollen. In der rabbinischen Tradition gilt, dass Menschen Gottes Eigenschaften im eigenen Leben nachahmen sollen, also selbst barmherzig, gerecht und treu handeln.

Im zweiten Teil beschreibt der Artikel die klassische jüdische Philosophie. Seit dem 9. Jahrhundert entstehen unter dem Einfluss des islamischen Denkens systematische Formen jüdischer Gotteslehre. Saadja Gaon verteidigt die Einheit Gottes und die Vorstellung, dass Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen hat. Damit soll Gottes Einzigkeit gesichert werden. Moses Maimonides entwickelt später eine besonders einflussreiche philosophische Gotteslehre. Er versucht, Gottes Existenz mit den Mitteln wissenschaftlichen Denkens seiner Zeit zu begründen. Zugleich betont er, dass Gott mit nichts in der Welt vergleichbar ist. Deshalb könne man von Gott eigentlich nur in verneinender Weise sprechen. Man könne nicht sagen, was Gott ist, sondern nur, was Gott nicht ist. Diese negative Redeweise soll verhindern, dass Menschen sich ein zu menschliches Bild von Gott machen.

Danach wendet sich der Artikel der jüdischen Mystik zu. Am Beispiel Isaak Lurias wird gezeigt, dass mystische Traditionen anders über Gott sprechen als die Philosophie. Luria beschreibt die Schöpfung als einen Vorgang, in dem Gott sich zurückzieht, damit Welt entstehen kann. Das göttliche Licht wird in die Welt gegeben, doch die Gefäße zerbrechen und verstreuen die göttlichen Funken. Daraus folgt die Aufgabe, diese Funken wieder zu sammeln und die Welt zu heilen. Diese Vorstellung wird mit dem Begriff Tikkun Olam verbunden. Menschen tragen also Verantwortung dafür, sich der Nöte der Welt anzunehmen und nach Gottes Weisungen zu leben. Auch die Kabbala beschreibt Gott in verschiedenen Erscheinungsweisen, durch die Gottes Gegenwart in der Welt erfahren werden kann. Hier wird Gott weniger begrifflich bestimmt als in symbolischen und spirituellen Bildern erschlossen.

Im letzten Teil behandelt der Artikel die moderne jüdische Philosophie. Die Moderne stellt traditionelle Gottesvorstellungen vor neue Herausforderungen. Aufklärung, Wissenschaft, neue politische und gesellschaftliche Entwicklungen sowie feministische Kritik führen dazu, dass jüdische Denkerinnen und Denker die Gottesfrage neu formulieren. Moses Mendelssohn versteht das Judentum als ethischen Monotheismus. Andere Denker wie Formstecher und Cohen verbinden die Gottesfrage mit Ethik und Vernunft. Rosenzweig und Buber widersprechen einer rein rationalen Gotteserkenntnis und betonen die existenzielle Begegnung mit Gott beziehungsweise die Beziehung zum Mitmenschen als Ort der Gotteserkenntnis. Mordecai Kaplan deutet Gott nicht mehr übernatürlich, sondern als eine Kraft innerhalb der Welt, die Erlösung ermöglicht.

Besonders tiefgreifend wird die Gottesfrage durch die Schoah erschüttert. Traditionelle Deutungen von Leid als Folge von Schuld werden angesichts des Holocaust für viele unhaltbar. Richard Rubenstein formuliert deshalb die radikale These, Gott sei tot. Gleichzeitig zeigt der Artikel, dass religiöse Erfahrungen in dieser Zeit sehr unterschiedlich waren. Viktor Frankl beobachtete, dass manche Menschen ihren Glauben verloren, während andere gerade durch ihren Glauben Halt und Kraft fanden. Schließlich kritisiert der jüdische Feminismus, dass traditionelle Gottesbilder überwiegend von Männern geprägt wurden. Feministische Denkerinnen machen darauf aufmerksam, dass dadurch weibliche Erfahrungen und Perspektiven in der Gottesrede zu wenig berücksichtigt wurden.

Insgesamt macht der Artikel deutlich, dass die jüdische Gottesfrage offen, vielstimmig und eng mit liturgischer Praxis, ethischem Handeln, philosophischem Denken, mystischer Deutung und geschichtlicher Erfahrung verbunden ist.

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