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Vandenhoeck Ruprecht | Religion unterrichten

Vandenhoeck Ruprecht | Religion unterrichten

Trennende Heiligenverehrung

Verbindende Ökumene der Märtyrerinnen und Märtyrer

Veröffentlichung:1.1.2020

Der Fachartikel von Pater Klaus Mertes SJ ist im Heft „Religion unterrichten“ unter dem Titel „Trennende Heiligenverehrung – verbindende Ökumene der Märtyrerinnen und Märtyrer“ enthalten. Er umfasst die Seiten 14 bis 18 und hat damit einen Umfang von 4 Seiten. Der Artikel zeigt, dass die Heiligenverehrung historisch teilweise trennend wirkte, während das gemeinsame Gedenken an Märtyrerinnen und Märtyrer heute eine starke ökumenische Verbindungskraft besitzt. Behandelt werden dabei vor allem die theologischen Probleme des Verhältnisses von Heiligenverehrung und Christusvermittlung, der konfessionellen Grenzen beim Gedenken an Märtyrerinnen und Märtyrer, der Bedeutung des Abendmahls für die sichtbare Einheit der Kirchen sowie der Frage, wie Einheit trotz bleibender Unterschiede konkret gelebt werden kann.

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Der Artikel geht von der Beobachtung aus, dass Heiligenverehrung in der Kirchengeschichte unterschiedlich bewertet wurde und zeitweise auch trennend wirkte. Kritik entzündet sich nicht nur aus evangelischer Perspektive, sondern auch innerhalb der katholischen Kirche, etwa wenn Heiligsprechungen politisch instrumentalisiert erscheinen oder der Eindruck eines automatischen Heiligsprechens von Päpsten entsteht. Historisch lagen die Unterschiede zwischen katholischer und evangelischer Sicht weniger in der Lehre als in der Frömmigkeitspraxis. Die Reformatoren wandten sich gegen Formen der Heiligenverehrung, die den Eindruck erweckten, Christus werde als einziger Mittler zwischen Gott und Mensch verdunkelt. Zugleich erinnert der Autor daran, dass auch die evangelische Tradition das Gedenken an Heilige kennt, insofern dieses der Stärkung des Glaubens dient. Selbst die Fürbitte der Heiligen muss deshalb nicht notwendig kirchentrennend sein.

Im Zentrum des Artikels steht die Überzeugung, dass die Ökumene der Märtyrerinnen und Märtyrer die Kirchen verbindet. Johannes Paul der Zweite versteht das Martyrium als intensivste Gemeinschaft mit Christus. Gerade weil Christinnen und Christen verschiedener Konfessionen gemeinsam für ihren Glauben leiden und sterben, zeigt sich in ihrem Zeugnis eine tiefere Einheit, als sie in konfessionellen Gegensätzen sichtbar wird. Zwar kann der Märtyrerbegriff Missverständnisse hervorrufen, etwa die Vorstellung eines religiösen Elitechristentums, doch wird dem entgegengehalten, dass das Martyrium mit dem alltäglichen Zeugnis aller Glaubenden zusammenhängt. Darüber hinaus verweist der Artikel darauf, dass die Bereitschaft, für Wahrheit und sittliche Werte das Leben hinzugeben, über die Grenzen des Christentums hinaus eine menschliche und geistliche Tiefe besitzt.

Besonders eindrücklich wird diese verbindende Kraft am Beispiel der Verfolgungen im 20. Jahrhundert. In den totalitären Diktaturen und in heutigen Christenverfolgungen wurden Christinnen und Christen nicht wegen ihrer konfessionellen Unterschiede getötet, sondern weil sie Christen waren. Gerade darin erkennt der Autor eine geschichtliche Überwindung älterer konfessioneller Streitfragen. Die frühere theologische Frage, ob nur Angehörige der eigenen Konfession als wahre Märtyrerinnen und Märtyrer gelten können, verliert angesichts des gemeinsamen Leidens ihre Plausibilität. Das Martyrium sprengt die engen Kategorien von richtig und falsch, wenn Menschen in der Nachfolge Christi ihr Leben hingeben.

Von hier aus fragt der Artikel, wie weit diese Ökumene reicht. Ein besonders wichtiges Feld ist das gemeinsame Abendmahl beziehungsweise die Eucharistie. Der Autor schildert Erfahrungen aus Konzentrationslagern wie Dachau und aus Gefängnissen der Zeit des Nationalsozialismus. Dort entstanden unter extremen Bedingungen Formen geistlicher Gemeinschaft zwischen katholischen und evangelischen Geistlichen und Gefangenen. In Lebensgefahr wurden Brot und Wein geteilt, Hostien weitergegeben und Feiern des Abendmahls über Konfessionsgrenzen hinweg ermöglicht. Diese Erfahrungen zeigen, dass die gemeinsame Bedrohung und das gemeinsame Zeugnis für Christus eine Einheit sichtbar machten, die kirchlich noch nicht voll anerkannt war.

Ein weiteres zentrales Beispiel ist das Gedenken an die Lübecker Märtyrer. Die drei katholischen Priester Johannes Prassek, Eduard Müller und Hermann Lange wurden gemeinsam mit dem evangelischen Pastor Karl Friedrich Stellbrink hingerichtet. Für den Autor ist es deshalb theologisch unangemessen, nur von drei zu sprechen. Das ehrliche Gedenken muss alle vier einschließen. Zwar wurde bei der Seligsprechung der drei katholischen Priester eine Form gefunden, die den evangelischen Pastor sichtbar einbezog, doch blieb die konfessionelle Trennung in der Eucharistiefeier bestehen. Gerade daran zeigt sich die noch ungelöste Aufgabe der Ökumene.

Im weiteren Verlauf argumentiert der Artikel, dass das Abendmahl der innere und äußere Kristallisationspunkt kirchlicher Einheit ist. Die Theologie habe in Jahrhunderten konfessioneller Trennung keine überzeugende Wiederherstellung gemeinsamer Eucharistie erreicht. Deshalb könne die Kirche nicht nur in historischen Modellen oder begrifflichen Debatten verharren, sondern müsse Ereignisse wie die Ökumene der Märtyrerinnen und Märtyrer ernst nehmen. Der Ausdruck versöhnte Verschiedenheit reicht nach Ansicht des Autors nicht aus, wenn er nicht zu sichtbaren Formen gemeinsamer Praxis führt. Eine solche Praxis könnte in ökumenischer Gastfreundschaft bestehen, besonders dort, wo gemeinsam der Märtyrerinnen und Märtyrer gedacht wird.

Theologisch begründet wird dies mit dem Auferstandenen selbst, der in den Evangelien als Gastgeber erscheint und seiner Kirche auch heute begegnet. Die Ökumene der Märtyrerinnen und Märtyrer wird deshalb als ein Ereignis verstanden, in dem Christus seiner zersplitterten Kirche neu entgegentritt. Daraus folgt, dass das gemeinsame Gedenken an Märtyrerinnen und Märtyrer nicht vollständig ohne Eucharistie gedacht werden kann. Schon in der Alten Kirche war die Märtyrerverehrung eng mit der Feier der Eucharistie verbunden. Das Gedenken an Märtyrerinnen und Märtyrer ist immer Erinnerung an Tod und Auferstehung Jesu Christi und damit an das Zentrum kirchlichen Lebens.

Am Ende kommt der Artikel zu dem Schluss, dass die katholische Kirche sich im Einklang mit ihrer eigenen Tradition weiter auf eine offene eucharistische Praxis zubewegen kann. Wo konfessionsverbindende Märtyrerinnen und Märtyrer gemeinsam erinnert werden, sollte sie offen zur Eucharistie einladen und umgekehrt Einladungen anderer Konfessionen zum Abendmahl annehmen. So wird die Ökumene der Märtyrerinnen und Märtyrer zu einem theologischen Wegweiser für die sichtbare Einheit der Christenheit.

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