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Vandenhoeck Ruprecht | Religion unterrichten

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Jüdische und christliche Bibelhermeneutik

Veröffentlichung:1.1.2022

Der Fachartikel von Marianne Grohmann ist in dem Heft „Religion unterrichten“ unter dem Titel: „Jüdische und christliche Bibelhermeneutik“ enthalten. Der vorliegende Auszug umfasst die Seiten 25 bis 28. Der Beitrag zeigt, dass die Hebräische Bibel eine gemeinsame Grundlage von Judentum und Christentum ist, dass sie aber in beiden Religionen unterschiedlich ausgelegt wird. Behandelt werden dabei zentrale theologische Probleme wie das Verhältnis von Gemeinsamkeit und Differenz in der Bibelauslegung, der Eigenwert des Alten Testaments, die christologische Auslegung der Hebräischen Bibel, die Bedeutung rabbinischer Auslegungstraditionen sowie die Frage, wie Vielfalt in der Auslegung möglich ist, ohne beliebig zu werden.

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Marianne Grohmann beschreibt die Hebräische Bibel als eine zentrale Grundlage des christlich jüdischen Dialogs. Sie verbindet Judentum und Christentum, trennt sie aber zugleich, weil beide Religionen dieselben Schriften unterschiedlich lesen und deuten. Das Christentum steht in Kontinuität und zugleich in Diskontinuität zur Geschichte Israels. Deshalb ist die gemeinsame Bezugnahme auf die Bibel einerseits eine Chance für das Gespräch, andererseits aber auch mit Spannungen verbunden. Die Autorin verweist darauf, dass kirchliche und jüdische Dialogdokumente diese Gemeinsamkeit und diese Unterschiede gleichermaßen betonen.

Ein wichtiger gemeinsamer Ausgangspunkt ist die historisch kritische Exegese. Sie versucht, die biblischen Texte in ihrem historischen und literarischen Zusammenhang möglichst genau zu verstehen, und bildet damit eine sachliche Grundlage für das Gespräch zwischen jüdischer und christlicher Forschung. Diese wissenschaftliche Exegese macht deutlich, dass die Hebräische Bibel eigenständig ist und nicht nur aus christlicher Sicht gelesen werden darf. Gerade darin liegt ihre Bedeutung für den Dialog, denn christliche Auslegung hat die Texte des Alten Testaments oft vorschnell auf Christus bezogen und dadurch ihren Eigenwert verdeckt. Grohmann unterstreicht, dass die Hebräische Bibel viele unterschiedliche Stimmen und Themen enthält, etwa Weisung, Erzählung, Gebet, Schöpfung, Weisheit, Skepsis, Befreiung, Monotheismus und Erotik. Diese Vielfalt zeigt, dass das Alte Testament mehr ist als eine bloße Vorstufe des Neuen Testaments.

Im Blick auf die jüdische Tradition erläutert die Autorin die Grundlagen rabbinischer Bibelauslegung. Diese ist nicht historisch kritisch im modernen Sinn, arbeitet aber ebenfalls sehr genau am Text. Sie versteht Doppelungen, Spannungen und Widersprüche nicht als Fehler, sondern als Anlass für weitere Deutung. Die Tora gilt als heilig gerade auch in ihrer Mehrdeutigkeit. Deshalb gehören verschiedene Lesarten zum Wesen des Textes. In der rabbinischen Tradition wird die Bibel als ein zusammenhängendes Ganzes gelesen, in dem Texte miteinander im Gespräch stehen. Die Vorstellung, dass alles in der Tora enthalten ist, prägt diese Hermeneutik. Zugleich ist die Auslegung immer an die Gemeinschaft gebunden, die den Text studiert, weitergibt und auf das eigene Leben bezieht.

Für die christliche Bibelauslegung ist das Alte Testament unverzichtbar, weil auch das Neue Testament ohne die Schriften Israels nicht verstanden werden kann. Die ersten christlichen Gemeinden lebten mit diesen heiligen Schriften und deuteten Jesus in ihrem Horizont. Historisch kritische Exegese hilft dabei, die Aussagen des Neuen Testaments in ihrer Entstehungszeit zu verstehen und polemische Aussagen nicht vorschnell auf das gesamte Judentum zu beziehen. Gerade bei Paulus zeigt sich, dass seine Aussagen in innerjüdische Auseinandersetzungen gehören und nicht einfach als zeitlose Urteile gelesen werden dürfen. Die Trennung zwischen Judentum und Christentum war ein längerer und komplexer Prozess.

Grohmann macht deutlich, dass sowohl jüdische als auch christliche Auslegung von einem Fixpunkt außerhalb des eigentlichen Bibeltextes her lesen. Im Judentum ist dies die Tora in ihrer mündlichen und schriftlichen Auslegungstradition, im Christentum Jesus Christus. Die Wahrnehmung jüdischer Auslegung fördert deshalb eine Kultur des Fragens und des Dialogs. Jesus selbst stand im Austausch mit jüdischer Schriftauslegung seiner Zeit. Daraus ergibt sich auch für heutige Lernende ein wichtiger Impuls: Bibeltexte sollen nicht nur übernommen, sondern befragt, diskutiert und im Gespräch ausgelegt werden. Die traditionelle jüdische Lernform des gemeinsamen Arbeitens am Text kann hierfür anregend sein.

Am Ende betont der Artikel, dass die Vielfalt der Auslegung weder im Judentum noch im Christentum beliebig ist. Es gibt Freiräume für unterschiedliche Deutungen, aber auch Grenzen, besonders dort, wo es um konkrete Lebenspraxis und verbindliche Normen geht. Die unterschiedlichen Kanonformen in Judentum und Christentum zeigen, dass verbindliche Vielfalt möglich ist. Gerade deshalb bleibt der Austausch über verschiedene Lesarten wichtig. Historisch kritische Forschung und der Dialog über unterschiedliche Hermeneutiken sind für das Verhältnis von Judentum und Christentum weiterhin von grundlegender Bedeutung.

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