Gies entfaltet ihren Zugang entlang dreier Hauptdimensionen:
Den Ausgangspunkt bildet eine narrationstheoretische Grundlegung: Identität konstituiert sich wesentlich durch Erzählung – sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene. Jugendliche in der Sekundarstufe befinden sich in einer Phase intensiver Identitätsarbeit; sie erproben und entwerfen sich selbst u. a. in sozialen Medien. Biblische Erzählungen werden als „metaphorische Möglichkeitsräume" (Kumlehn) verstanden, die Schülerinnen und Schüler zu probeweiser Perspektivübernahme einladen. Anders als glatte Vorbildfiguren bieten Abraham und Sara gerade durch ihre Ambivalenz und Widersprüchlichkeit Anknüpfungspunkte für existenzielle Auseinandersetzung. Gies betont zudem die politische Dimension von Erzählungen: Kollektive Identitäten – von Völkern, Religionen, Gemeinschaften – werden durch Narrationen konstruiert und interessengeleitet weitererzählt, bis hin zur Bedeutung für den Nahostkonflikt. Ziel ist ein kritisch-konstruktiver Dialog von Lebenswelt und Text als Anleitung zu Mündigkeit.
Im exegetisch-theologischen Teil wird der Erzählzusammenhang Gen 11,27–25,11 sorgfältig entfaltet. Gies liest die Texte als retrospektive Ursprungserzählungen Israels, die nicht historische Fakten dokumentieren, sondern narrativ Identität konstruieren – insbesondere in der formativen Epoche des babylonischen Exils. Die Erzeltern repräsentieren das Volk Israel in Abgrenzung von und in Beziehung zu Nachbarvölkern. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Figur Saras: Ihre Stummheit in der Preisgabeerzählung, ihr Handeln gegenüber Hagar, ihr Lachen bei der Verheißung werden nicht harmonisiert, sondern in ihrer Sperrigkeit belassen. Thematisch aufgeschlüsselt werden: Volksgeschichte und Gottesbeziehung, Bundestheologie (Gen 15 und 17), die Hagar-Ismael-Überlieferung als Gegenperspektive, sowie Gen 22 als Schlüsseltext für jüdische Identitätsbildung in der Diaspora (Toragehorsam unabhängig von Tempel und Land). Die priesterschriftlichen Anteile und die literarhistorische Entstehung des Sagenkranzes werden knapp, aber präzise verortet.
Die didaktischen Überlegungen plädieren entschieden für Ganzschriftlektüre statt isolierter Textillustration. Bibellesetagebücher und -portfolios werden als methodische Formate empfohlen, weil sie Schülerinnen und Schüler in einen echten Dialog mit dem Text bringen, ohne vorschnelle Harmonisierungen. Methodisch werden u. a. Schreibgespräche, innere Monologe, Standbilder, Rollenspiele und Verfremdungen (Fotoroman, Film) vorgeschlagen. Für Leistungskurse und wissenschaftspropädeutische Seminare plädiert Gies für die Einführung in exegetische Fachliteratur. Als theologische Schwerpunktthemen benennt sie: Schuld und Verantwortung, Macht und Ohnmacht (auch geschlechterbezogen), Gottesbeziehung unter Verheißung und Anspruch, sowie interreligiöses Lernen – mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass die je eigene Rezeptionsgeschichte Abrahams in Judentum, Christentum und Islam nicht eingeebnet werden darf.