Tautz eröffnet mit einer grundsätzlichen Problemanzeige: Die vor allem im christlichen Kontext verbreitete Rede von den „abrahamitischen Religionen" und der „abrahamischen Ökumene" verschleiert häufig erhebliche theologische Deutungsunterschiede. Krochmalnik wird zitiert mit der Beobachtung, dass Abraham zwar als väterliche Autorität von allen dreien akzeptiert werde, dass aber gerade die Nähe – nicht die Fremdheit – das eigentliche Problem im „Haus Abraham" darstelle.
Den inhaltlichen Kern bildet eine komparative Darstellung Abrahams in den drei Traditionen:
Im Judentum ist Abraham vor allem durch die zehn Prüfungen (Nissjonot) des Talmud geprägt. Die Akedah (Gen 22) gilt als Gipfel seiner Selbstlosigkeit und hat bis heute liturgische Bedeutung im Morgengebet und in der synagogalen Schriftlesung an Rosch ha-Schana. Abrahams Eintreten für Sodom zeigt zugleich, dass er kein blinder Gehorsamsathlet ist, sondern eine moralisch komplexe Figur. Die Intertextualität ist in der jüdischen Auslegungstradition von jeher konstitutiv.
Im Christentum dominiert die paulinische Interpretation: Abraham als Vorbild des Glaubens unabhängig von Gesetzeswerken (Röm 4; Gal 3–4). Obwohl Abraham als Erzvater Israels zunächst Identifikationsfigur für frühe Christengemeinden war, verlor er in der neuzeitlichen Theologie an Bedeutung und gewann erst im 20. Jahrhundert – durch das Zweite Vatikanische Konzil (Nostra Aetate, Lumen Gentium) und den jüdisch-christlich-muslimischen Dialog – neue Relevanz. Die Begriffe Abrahamkindschaft, abrahamische Ökumene und abrahamische Spiritualität (Kuschel) werden vorgestellt und kritisch eingeordnet.
Im Islam nimmt Abraham eine zentrale prophetologische Stellung ein: Er gilt als Prototyp des Propheten Muhammad, als Ur-Muslim im Sinne eines Hanifen (Sure 3,67) und als Freund Gottes (chalīl Allāh, Sure 4,125). Seine vernunftgeleitete Gottsuche bei der Betrachtung der Gestirne (Sure 6,75–79) hebt ihn als Modell rationaler Glaubenserkenntnis hervor. Liturgisch präsent ist er im täglichen Gebet (ṣalāt) und im Opferfest (Ismael statt Isaak als Opferkandidat, Sure 37,102). Abraham und Ismael gelten als (Wieder-)Erbauer der Kaaba.
Im abschließenden religionspädagogischen Teil plädiert Tautz dafür, Abraham nicht als Garant, sondern als „generativen Topos" für interreligiöse Bildungsprozesse zu nutzen: nicht als Harmonisierungsformel, sondern als Ort, an dem Gemeinsamkeiten und Unterschiede produktiv verhandelt werden. Konkrete Zugänge werden nach Altersstufen differenziert: narrative Zugänge für Kinder; korrelative Erschließung von Motiven für die Sekundarstufe I; wirkungs- und rezeptionsgeschichtliche Reflexion (besonders zur Akedah) für die Sekundarstufe II. Hebron als konfliktbeladener und zugleich versöhnungsfähiger Ort wird als exemplarisches Lernfeld benannt.