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WiReLex | Deutsche Bibelgesellschaft

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Altes Testament im Religionsunterricht, bibeldidaktisch

Veröffentlichung:26.3.2026

Der WiReLex-Artikel von Michael Fricke (erstellt Februar 2021) untersucht das Alte Testament (AT) aus bibeldidaktischer Perspektive: Wie kommt es im Religionsunterricht vor – und wie sollte es vorkommen? Der Artikel entfaltet eine hermeneutische Grundlagenreflexion zum Verhältnis von AT und NT, zeichnet drei Modelle der religionspädagogischen AT-Didaktik nach und analysiert empirisch die Textauswahl in Lehrplänen, Lehrwerken und Kinder- und Jugendbibeln, bevor er das Problem des „Kanons im Kanon" kritisch diskutiert.

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Fricke gliedert den Artikel in drei Hauptabschnitte:

Im hermeneutischen Grundlagenabschnitt wird zunächst das Verhältnis von AT (= Tanach/Erstes Testament) und NT geklärt: Das AT ist kanonisch und historisch der erste Teil der christlichen Bibel; als Heilige Schrift Israels ist es zugleich in einer bleibenden jüdischen Auslegungstradition verankert. Das NT wurde im Licht des AT verfasst und zitiert es extensiv. Dennoch bürgerte sich in der Kirchengeschichte eine Auslegungspraxis ein, die das AT subordinierte (Kontrastauslegung, Substitutionsdenken, Allegorese). Erst im 20. Jahrhundert – ausgelöst durch die Auseinandersetzung mit der Schoa und durch Konzilserklärungen wie Nostra aetate (1965) – veränderte sich diese Wahrnehmung. Schambeck formuliert als Grundformel einer zeitgemäßen Bibeldidaktik: Das NT ist ohne AT nicht verständlich; das Christusereignis begründet eine Neuinterpretation; der Tanach ist als eigenständige Stimme wahrzunehmen.

Drei historisch-systematische Modelle der AT-Didaktik werden unterschieden: (1) Nutzung bei gleichzeitiger Abwertung (erste Hälfte 20. Jh.): Das AT wird pädagogisch genutzt (Phantasie, Allgemein-Menschliches), aber durch christologische Interpretation vereinnahmt oder als Vorstufe des NT herabgesetzt. (2) Gleiche Wertschätzung von AT und NT (ab zweiter Hälfte 20. Jh.): Baldermann, Berg, Theißen und andere lesen die Bibel als Ganzes mit vielen Stimmen; sie unterschreiben dem AT ein theologisches Eigengewicht und beziehen jüdische Auslegungen ein. Problemtexte (Gewalt, dunkle Gottesbilder) werden integriert statt ignoriert, was den Bibel­unterricht attraktiver und entwicklungsgerechter macht. (3) Toradidaktik (ab 2000): Lemaire, Schröder/Hecke fordern eine spezifisch jüdisch informierte Didaktik, die das Judentum nicht nur als historische „Wurzel", sondern als gegenwärtiges Gegenüber der Kirche anerkennt. Christen werden als „Zweithörer" des AT (Schambeck) oder als zur Teilhabe eingeladene Nicht-Eigentümer (Gütersloher Erzählbibel) verstanden. Fricke diskutiert kritisch, welche Kriterien für die Aufnahme jüdischer Perspektiven gelten sollen und wo theologische Grenzen zu ziehen sind.

Der empirisch-didaktische Abschnitt analysiert die tatsächliche Textauswahl: In Lehrplänen der Grundschule erscheinen als konfessionsübergreifende Schnittmenge: Schöpfung, Erzeltern, Mose/Dekalog, Psalmen und Jesaja – mit regionalen Ergänzungen. In der Sekundarstufe kommen Propheten (Jer, Amos, Jona), Hiob und weitere Psalmtexte hinzu. Lehrwerke orientieren sich an Lehrplänen, nehmen aber auch eigene Akzente. Kinder- und Jugendbibeln zeigen größere Auswahlfreiheit; Gütersloher Erzählbibel und „Wir erzählen die Bibel" werden als Beispiele für neuere lebensweltorientierte und genderreflexive Zugänge vorgestellt. Das Phänomen des „Kanons im Kanon" – der faktisch immer wiederkehrenden Textauswahl – wird als Notwendigkeit (didaktische Reduktion, bewährte Texte), als Gefahr (Legitimation bestehender Auswahl, Innovationshemmung) und als Chance (Fokussierung auf wirklich tragfähige Texte) gedeutet. Fricke plädiert für einen spiralförmigen Lernprozess: Erstbegegnung, Vertiefung und Neuverstehen als Ausdruck des Wesens von religio (relegere = wieder lesen).

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