Meyer entfaltet das Thema in neun Schritten:
Den Ausgangspunkt bildet eine didaktische Grundbeobachtung: Religiöse, ethische und soziale Fragen führen – anders als naturwissenschaftliche oder mathematische Aufgaben – häufig nicht zu eindeutigen Lösungen. Gleichzeitig brechen gesellschaftliche Transformationen (Geschlechterrollen, Diversität, religiöse Zuordnungen) alte binäre Strukturen auf. Dem stehen fundamentalistische Strömungen gegenüber, die durch dogmatische Festlegungen Eindeutigkeit herzustellen suchen. Beides macht eine didaktische Auseinandersetzung mit Ambiguität unerlässlich.
Die Begriffsklärung orientiert sich am lateinischen ambiguus (sich zu zwei Seiten neigen) und erschließt fünf Erklärungslogiken nach Wörn: Ambiguität als Merkmal von Sprache, als kognitives Phänomen des Bewusstseins, als subjektiv-innerpsychisches Erleben (Ambivalenz), als vorfindliche Wirklichkeitsstruktur und als Ergebnis sozialer Praktiken. Je nach Phänomen sind diese Zugänge kombinierbar.
Im theologisch-religionswissenschaftlichen Teil werden Gottes- und Offenbarungsfragen als paradigmatisch ambige Felder beschrieben: Die Unverfügbarkeit Gottes in monotheistischen Traditionen, die prinzipielle Mehrdeutigkeit religiöser Erfahrungen und Visionen sowie die Deutungsoffenheit kanonischer Texte machen Eindeutigkeit hier strukturell unmöglich. Meyer verweist auf Thomas Bauers „Kultur der Ambiguität" im Islam und auf Entwicklungen in der christlichen Religionspädagogik (Tillich-Rezeption bei Wörn, Sammelband Deibl/Mairinger).
Die empirische Ambiguitätsforschung geht auf Frenkel-Brunswik (1949) zurück, die Ambiguitätsintoleranz mit autoritären Erziehungsstilen und deren katastrophalen historischen Folgen verband. Budners Skala (1962) etablierte die binäre Sicht (Ambiguität als Bedrohung vs. als Chance), wurde aber später kritisiert: Vereindeutigungsinteressen sind nicht per se problematisch, sondern kontextabhängig berechtigt. Die Frage, ob Ambiguitätstoleranz domänenspezifisch oder charakterbedingt ist, bleibt offen.
Das Herzstück des Artikels ist das Konzept des konstruktiven Ambiguitätsmanagements (Meyer 2019): Statt bloßer Toleranz gegenüber dem Uneindeutigen geht es um die situationsangemessene Kompetenz, zu unterscheiden, wann Vertiefung und wann Vereindeutigung didaktisch zielführend sind – sowohl auf Seiten der Lehrperson als auch als Lernaufgabe. Zwei strukturelle Widerstände gegen das Aushalten von Ambiguität werden analysiert: die kognitionswissenschaftliche Tendenz des schnellen Denkens (System 1 nach Kahneman) zu rascher Vereindeutigung, und die schulische Logik der abprüfbaren Wissensbestände, die Eindeutigkeit als Ziel bevorzugt.
Didaktisch werden vier Welterschließungsmodi nach Baumert differenziert: der ästhetisch-expressive (Kunst, Poesie), der normativ-evaluative (Ethik, Dilemmata), der kognitiv-instrumentelle (Naturwissenschaften, tendenziell eindeutig) und der konstitutiv-rationale (religiöse Grundfragen). Besonders der letzte ist für den Religionsunterricht zentral und strukturell auf Mehrdeutigkeit angewiesen.
Abschließend plädiert Meyer für ein weites Bildungsverständnis, das Ambiguitätsmanagement als Schlüsselkompetenz begreift: nicht das Dulden von Mehrdeutigkeit um ihrer selbst willen, sondern die begründete Fähigkeit, Vagheit auszuhalten, zu vertiefen oder situationsgerecht aufzulösen.