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Katholische Akademie Bayern

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Eine vertane Chance?

Die Rezeption Leibniz’ in der christlichen Theologie

Veröffentlichung:1.1.2023

Der Fachartikel umfasst die Seiten 46 bis 50, also fünf Seiten. In wenigen Sätzen zeigt der Beitrag, dass Gottfried Wilhelm Leibniz sich sein Leben lang intensiv mit theologischen Fragen beschäftigt hat und dass seine Philosophie eng mit dem Versuch verbunden war, christliche Glaubenswahrheiten vernünftig zu begründen, konfessionelle Kontroversen zu klären und den Atheismus abzuwehren. Zugleich untersucht der Artikel, wie die christliche Theologie Leibniz im Lauf der Jahrhunderte aufgenommen, verkürzt, umgedeutet oder kritisiert hat. Behandelt werden dabei vor allem die theologischen Probleme des Verhältnisses von Glaube und Vernunft, Offenbarung und natürlicher Theologie, Theodizee, Sünde und Erlösung, der Möglichkeit einer vernunftgemäßen Orthodoxie, der ökumenischen Überwindung konfessioneller Spaltungen sowie der Frage, wie christliche Dogmatik gegenüber Rationalismus, Deismus und Atheismus verteidigt werden kann.

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Der Artikel entfaltet die These, dass Leibniz nicht nur gelegentlich auf theologische Themen Bezug nahm, sondern dass sein gesamtes Denken wesentlich aus der Auseinandersetzung mit theologischen Fragestellungen hervorging. Seine Philosophie erscheint als Versuch, christliche Lehre vernünftig zu durchdringen, kirchliche Streitfragen argumentativ zu klären und die christliche Weltsicht gegen atheistische Bedrohungen zu verteidigen. Zugleich fragt der Beitrag nicht nur nach Leibniz selbst, sondern nach seiner Wirkungsgeschichte in der christlichen Theologie. Dabei wird deutlich, dass sich Theologinnen und Theologen verschiedener Epochen immer wieder zu Leibniz verhalten mussten, allerdings unter sehr unterschiedlichen Bedingungen der Textkenntnis. Weil von Leibniz lange nur wenige Schriften gedruckt zugänglich waren, wurde sein Denken zunächst nur bruchstückhaft rezipiert. Vor allem die Theodizee, die Monadologie und der Briefwechsel mit Samuel Clarke prägten das Bild, während der innere Zusammenhang zwischen Philosophie, Dogmatik und ökumenischen Bestrebungen weitgehend verborgen blieb.

Ein zentraler Schwerpunkt des Artikels liegt auf der Vermittlung von Leibniz durch Christian Wolff. Dieser machte das Denken von Leibniz im 18. Jahrhundert weithin bekannt, verband es jedoch mit eigenen systematischen Interessen. So entstand das Bild einer Leibniz Wolffschen Philosophie, das lange Zeit die Wahrnehmung Leibniz’ bestimmte. Der Artikel zeigt, dass Wolff zwar viele Motive von Leibniz aufnahm, diese aber in seinen eigenen Denkrahmen einordnete. Gerade im theologischen Bereich wirkte dieser Wolffianismus stark. In evangelischen wie katholischen Kontexten wurde versucht, mit Hilfe einer demonstrativen und vernunftgeleiteten Methode die Übereinstimmung von christlicher Lehre und vernünftiger Einsicht darzustellen. Es entstand das Ideal einer vernünftigen Orthodoxie, nach der die Vernunft die natürliche Theologie begründen und zugleich zeigen kann, dass die Geheimnisse des Glaubens nicht im Widerspruch zur Vernunft stehen. Diese Entwicklung beeinflusste zahlreiche protestantische und katholische Denker und prägte große Teile der Theologie des 18. Jahrhunderts.

Der Artikel macht jedoch ebenso deutlich, dass diese Vermittlung weitreichende Folgen für das Leibnizbild hatte. Rezipiert wurde vor allem Leibniz als philosophischer Theologe der natürlichen Gotteserkenntnis, nicht aber Leibniz als Denker der materialen Dogmatik und der konkreten Glaubensgehalte. Seine intensive Auseinandersetzung mit Trinität, Offenbarung, Kirche und konfessionellen Kontroversen blieb lange weitgehend unbekannt. Dadurch erschien er vielen späteren Theologen vor allem als Vorläufer des Rationalismus. Diese Sicht verengte seine Position erheblich. Sein Widerstand gegen Deismus, Sozinianismus und atheistische Denkformen trat in den Hintergrund, obwohl gerade diese Abgrenzung für ihn selbst von großer Bedeutung war. Der Artikel zeigt so sehr deutlich, wie stark die Rezeption eines Denkers von der Quellenlage und den jeweils dominanten Deutungsmustern abhängt.

Ein weiterer wichtiger Abschnitt widmet sich der Deutung von Leibniz’ ökumenischen Bestrebungen. Zwar gab es schon früh Ansätze, den Zusammenhang zwischen Leibniz’ Philosophie, seiner Theologie und seinem Engagement für die Überwindung der Kirchenspaltung zu sehen, doch blieben diese Versuche meist randständig. Einzelne katholische und protestantische Autoren griffen Leibniz’ Unionspläne auf, deuteten sie aber sehr unterschiedlich. Teilweise wurde ihm politische Berechnung vorgeworfen, teilweise hielt man seine theologischen Fähigkeiten für begrenzt, teilweise versuchte man, ihn für die eigene konfessionelle Position zu vereinnahmen. Besonders scharf beschreibt der Artikel die katholische Tendenz des 19. Jahrhunderts, Leibniz als heimlichen Katholiken oder fast vollzogenen Konvertiten darzustellen. Demgegenüber regte sich im protestantischen Lager entschiedener Widerspruch. So wurde Leibniz zu einer Projektionsfigur konfessioneller Interessen, anstatt als eigenständiger theologischer Denker ernst genommen zu werden.

Besondere Aufmerksamkeit schenkt der Beitrag der Darstellung durch Aloys Pichler. Dieser versuchte im 19. Jahrhundert erstmals in größerem Umfang, Leibniz aus dem Schatten Wolffs und des Rationalismus herauszulösen und als unverkürzt christlichen Denker darzustellen. Pichler arbeitete seine Gotteslehre, Anthropologie, Ekklesiologie, Sakramentenlehre und Eschatologie umfassend heraus und interpretierte auch die Reunionsverhandlungen im Licht seiner gesamten Theologie. Für ihn war Leibniz kein bloßer Religionspolitiker, sondern ein echter Christ, der über konfessionelle Engführungen hinausdachte und so die geistige Grundlage für eine Wiederannäherung der Christen schaffen wollte. Allerdings blieb auch diese Gesamtdarstellung wirkungsgeschichtlich begrenzt, nicht zuletzt wegen kirchenpolitischer Konflikte und aufgrund von Pichlers tragischem Lebensweg.

Im Blick auf die protestantische Theologiegeschichte zeigt der Artikel, dass Leibniz im 19. und frühen 20. Jahrhundert meist durch die Brille des Rationalismus beurteilt wurde. Vor allem die Theodizee wurde kritisch gelesen. Schleiermacher warf Leibniz vor, Gott den Gesetzen des Verstandes zu unterwerfen und das Problem des Bösen spekulativ zu behandeln. Im bekenntnisorientierten Protestantismus kam hinzu, dass Leibniz die reformatorische Einsicht in Sünde und Erlösung zu verwässern scheine. Andere, vor allem liberale Theologen, würdigten ihn dagegen als Wegbereiter eines modernen Christentums, das Glaube und Wissen, Gottesidee und Wissenschaft, Religion und Kultur neu zu verbinden versuchte. Wieder andere wie Karl Barth sahen in ihm den Prototyp einer problematischen Vermittlung von Vernunftglaube und Offenbarungsglaube. Der Artikel zeichnet damit ein vielschichtiges Bild, in dem Leibniz entweder positiv als Wegbereiter moderner Theologie oder negativ als Vorläufer rationalistischer Verfälschung erscheint.

Im Ausblick kommt der Fachartikel zu dem Ergebnis, dass die theologische Rezeption Leibniz’ über lange Zeit unter einer strukturellen Einseitigkeit litt. Bekannt war vor allem seine philosophische Theologie, während seine dogmatischen Überlegungen, seine Abgrenzung gegen rationalistische Verkürzungen und die enge Verbindung von Philosophie, Theologie und Ökumene kaum wahrgenommen wurden. Deshalb blieb auch die moderne ökumenische Bewegung zunächst weitgehend ohne Bezug auf Leibniz. Erst die neuere Akademie Ausgabe und die damit verbundene Forschung haben das theologische Werk Leibniz’ in seiner Breite sichtbar gemacht. Dadurch wird heute deutlicher, wie umfassend sein Denken angelegt ist. Der Artikel endet mit der Feststellung, dass eine breitere theologische Rezeption noch aussteht. Gerade darin liegt für Lehrkräfte ein wichtiger Ertrag: Der Beitrag macht verständlich, wie sehr die Wahrnehmung eines Denkers von historischen Deutungsmustern abhängt und wie fruchtbar eine erneute Beschäftigung mit Leibniz für Fragen nach Glaube, Vernunft, Dogmatik, Ökumene und christlicher Weltverantwortung sein kann.

Rheinland-Pfalz

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Sekundarstufe II | 12/1 Jesus Christus und die Kirche

12.1 / 5. Ökumene als Auftrag und Verpflichtung.

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