Der Artikel untersucht, in welcher Weise das frühe Christentum als Bildungsreligion verstanden werden kann. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass das Christentum von Beginn an in einer gebildeten, philosophisch geprägten Umwelt entstand und sich mit Fragen nach Gott, Wahrheit, Glauben und Wissen auseinandersetzen musste. Dabei war der christliche Glaube auf das Kreuz ausgerichtet und erschien vielen Zeitgenossen als Zumutung oder Torheit. Dennoch entwickelte sich das Christentum rasch zu einer eigenständigen geistigen und religiösen Tradition.
Zunächst zeigt der Artikel, dass Bildung in der Antike nicht nur individuelles Lernen meinte, sondern immer auch sozial geprägt war. Der Begriff paideia konnte Erziehung, literarische Bildung, umfassende Allgemeinbildung und die Formung des Menschen bezeichnen. Bildung war jedoch meist ein Vorrecht der gesellschaftlichen Elite. Das frühe Christentum übernahm diese Voraussetzungen nicht einfach, sondern veränderte sie grundlegend. Im Neuen Testament stehen weniger theoretische Bildungsbegriffe im Mittelpunkt als Prozesse des Lehrens und Lernens. Jesus erscheint als Lehrer, seine Nachfolger sollen Menschen zur Annahme des Glaubens führen. Damit wird Bildung nicht mehr nur als Mittel sozialer Auszeichnung verstanden, sondern als Möglichkeit für alle Menschen, die Wahrheit des Glaubens zu erkennen und im Leben umzusetzen.
Der Autor macht deutlich, dass dies zu Spannungen führte. Kritiker wie Celsus warfen den Christen vor, sie würden Ungebildete anziehen und vernünftiges Denken abwerten. Auch christliche Stimmen wie Tertullian äußerten starke Skepsis gegenüber Philosophie und klassischer Bildung. Solche Positionen lassen das Christentum zunächst wie eine bildungsfeindliche Religion erscheinen. Der Artikel zeigt jedoch, dass dies nur eine Seite der Entwicklung ist.
Ein zentrales Beispiel für die Bildungsnähe des frühen Christentums ist die Apologetik. Christliche Denker wie Justin der Märtyrer versuchten, den christlichen Glauben gegenüber der antiken Philosophie als vernünftig und lebensdienlich darzustellen. Justin beschreibt seinen eigenen Weg durch verschiedene philosophische Schulen bis hin zum Christentum, das er schließlich als die wahre Philosophie erkennt. Bildung erscheint hier als Prozess der Selbstfindung, der in der Hinwendung zu Christus seinen Höhepunkt erreicht. Auch Origenes versteht das Christentum als umfassenden Bildungsweg, der den Menschen zur vernunftgeleiteten Erkenntnis Gottes und der Welt führen soll. Selbst nach dem Tod sei dieser Bildungsprozess nicht abgeschlossen.
Der Artikel zeigt aber auch die Ambivalenz dieses Verhältnisses. Tertullian betont scharf den Gegensatz zwischen Jerusalem und Athen und warnt vor den Gefahren der heidnischen Schulbildung. Die antiken Schultexte seien religiös nicht neutral, weil sie durchgehend von fremden Göttern geprägt seien. Zugleich war Bildung im Alltag unverzichtbar. Ohne Lesen, Schreiben und rhetorische Kompetenz hätten sich Christen aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Deshalb entwickelte sich das Konzept des rechten Gebrauchs. Nichtchristliche Bildungsgüter sollten kritisch geprüft, aber für den christlichen Glauben fruchtbar gemacht werden. Augustin rechtfertigt dies mit dem Bild der Israeliten, die Gold und Silber aus Ägypten mitnahmen und für einen besseren Zweck verwendeten. So konnte das Christentum Bildung übernehmen, ohne sich ihr einfach zu unterwerfen.
Im weiteren Verlauf beschreibt der Artikel drei wichtige Formen religiöser Bildung im frühen Christentum. Der Katechumenat diente der Vorbereitung auf die Taufe. Taufbewerber sollten den Glauben verstehen, sich mit ihm auseinandersetzen und ihr Leben darauf ausrichten. Religiöse Bildung war hier sowohl lehrbar als auch auf Gottes Gnade angewiesen. Die Predigt war eine zweite wichtige Form. In den Gemeinden wurde regelmäßig gelehrt, erklärt und gedeutet. Prediger wie Augustin versuchten, verständlich zu sprechen, damit alle Gläubigen dem Glauben folgen konnten. Die Kirche erscheint dabei als eine Schule des Glaubens, in der alle gemeinsam Lernende sind. Eine dritte Form war das Mönchtum. Obwohl es sich oft von weltlicher Bildung distanzierte, entwickelte es eigene strenge Bildungsformen, die sich auf die Schrift, auf Einübung, Gedächtnisarbeit und geistliche Lebensführung stützten. Später wurden Klöster sogar zu wichtigen Bildungsinstitutionen.
Am Ende betont der Artikel, dass das Christentum im frühen Zeitalter weder einfach bildungsfreundlich noch schlicht bildungsfeindlich war. Vielmehr lebte es in einem produktiven Spannungsverhältnis von Bildungsnähe und Bildungsskepsis. Christlicher Glaube ist nach dieser Deutung wesentlich denkender Glaube. Zugleich steht am Anfang religiöser Bildung nicht das autonome Denken, sondern der empfangene Glaube. Der berühmte Gedanke credo ut intelligam bringt dies auf den Punkt. Der Glaube geht dem Verstehen voraus und eröffnet erst die Möglichkeit tieferer Einsicht. Insgesamt zeigt der Artikel, dass das frühe Christentum eine Bildungsgeschichte besitzt, die bis in die Gegenwart hineinwirkt. Religiöse Bildung bedeutet hier die Verbindung von Glauben, Wissen, Denken und gelebter Praxis.