Der Artikel untersucht die geschichtliche Entwicklung des Bildungsbegriffs und fragt, wie sich dieser von einer religiösen zu einer pädagogischen Leitvorstellung gewandelt hat. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Bildung bis heute ein schillernder und umkämpfter Begriff ist, der in Pädagogik, Politik und Gesellschaft sehr unterschiedlich verstanden wird. Bildung kann sowohl als Ideal persönlicher Entfaltung als auch als Schlagwort in schulpolitischen Debatten erscheinen. Gerade diese Offenheit macht den Begriff anschlussfähig, aber auch unscharf.
Zunächst wird Bildung als zentraler pädagogischer Grundbegriff beschrieben. Sie unterscheidet sich von Sozialisation, Lernen und Erziehung, auch wenn sie auf diese Prozesse angewiesen bleibt. Sozialisation meint das Hineinwachsen in gesellschaftliche und religiöse Zusammenhänge, Lernen den Erwerb von Wissen und Verhalten, Erziehung die bewusste Weitergabe von Wissen, Normen und Haltungen. Bildung geht darüber hinaus, weil sie Menschen dazu befähigt, über Vorgegebenes nachzudenken, Selbstverständlichkeiten kritisch zu hinterfragen und sich in Freiheit zur Welt zu verhalten. Bildung steht deshalb besonders für Selbstbestimmung, Reflexion und Freiheit.
Im historischen Teil zeigt der Artikel, dass Bildung ursprünglich religiös geprägt war. Bei Meister Eckhart ist Bildung eng mit der Gottesebenbildlichkeit des Menschen verbunden. Bildung bedeutet hier nicht zuerst aktives Machen, sondern ein Loslassen des eigenen Ichs, damit sich Gottes Wirken im Menschen entfalten kann. Daraus ergeben sich Motive wie Gelassenheit, Abgeschiedenheit, Würde und innere Verwandlung. Zugleich besitzt diese religiöse Form von Bildung schon ein kritisches Potential, weil Glaubenslehre auf das einzelne Subjekt bezogen und persönlich ausgelegt wird.
Im Humanismus verschiebt sich der Akzent stärker auf den Menschen. Bei Erasmus von Rotterdam wird die Erziehungsbedürftigkeit des Menschen anthropologisch begründet. Der Mensch ist nicht einfach fertig, sondern muss gebildet werden. Vernunft, Erfahrung und Dialog gewinnen an Bedeutung. Bildung soll zu selbstständiger Lebensführung, zu Frömmigkeit, zu kultureller Bildung und zu sozialer Handlungsfähigkeit führen. Am Kolleg von Annecy zeigt der Artikel außerdem, dass sich im Humanismus Formen schulischer Bildung entwickelten, die stärker säkular und bürgerlich ausgerichtet waren. Dennoch blieb das Christliche weiterhin präsent. Später wurde diese Öffnung durch die Konfessionalisierung wieder eingeschränkt, als religiöse Kontrolle und kirchliche Zielsetzungen erneut den Vorrang erhielten.
In der Aufklärung erhält Bildung eine neue Richtung. An Rousseau wird deutlich, dass nun das Kind und seine natürliche Entwicklung in den Mittelpunkt rücken. Der Mensch gilt nicht mehr primär als durch Erbsünde belastet, sondern als von Natur aus gut. Erziehung soll diese natürliche Güte schützen und entfalten. Damit scheint Bildung zunächst säkularisiert zu werden. Der Artikel zeigt jedoch, dass auch hier eine neue Form des Sakralen entsteht, weil die Natur selbst zum Träger moralischer Wahrheit wird. Der Erzieher übernimmt damit eine sehr weitreichende Verantwortung für die Entfaltung des Kindes.
Im Neuhumanismus, besonders bei Wilhelm von Humboldt, wird Bildung zu einem Leitbegriff moderner Pädagogik. Bildung meint nun die freie Wechselwirkung von Ich und Welt, die Entfaltung innerer Kräfte und die Hinwendung zu Humanität, Wissenschaft und Sprache. Obwohl dieses Verständnis modern und anthropologisch erscheint, erkennt der Artikel auch hier religiöse Strukturen. Bildung besitzt einen fast sakralen Charakter, weil sie auf Einheit, Seele, Freiheit und die Überwindung menschlicher Begrenztheit zielt. Damit zeigt sich, dass der Bildungsbegriff nicht einfach säkular geworden ist, sondern religiöse Muster in neuer Form weiterführt.
Im Resümee betont der Artikel, dass die Geschichte des Bildungsbegriffs sowohl von Brüchen als auch von Kontinuitäten geprägt ist. Die Pädagogik hat sich zwar aus theologischen Zusammenhängen gelöst, doch Bildung bleibt bis heute von Hoffnungsüberschuss, Sinnversprechen und moralischer Aufladung bestimmt. Gerade deshalb funktioniert Bildung weiterhin als besonders wirkmächtiger Begriff in pädagogischen Debatten. Auch in aktuellen Diskussionen um Kompetenzorientierung, Bildungsstandards oder nachhaltige Bildung bleibt Bildung ein Leitwort, das mit Erwartungen an eine bessere Zukunft verbunden ist. Der Artikel kommt zu dem Ergebnis, dass der Bildungsbegriff bis heute einen theologischen Subtext besitzt und seine Attraktivität gerade auch aus dieser bleibenden sakralen Struktur bezieht.