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Katholische Akademie Bayern

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Widerständiges Denken als Ausdruck von Mündigkeit

Veröffentlichung:1.4.2022

Der Fachartikel umfasst vier Seiten. Der Beitrag zeigt, dass Demokratie nicht allein durch Institutionen gesichert ist, sondern auf mündige Menschen angewiesen bleibt, die kritisch denken und gesellschaftliche Verhältnisse hinterfragen. Im Mittelpunkt steht die Forderung, Mündigkeit als widerständiges Denken zu fördern, besonders angesichts von Leistungsdruck, gesellschaftlicher Anpassung und Umweltzerstörung.

Theologische Probleme behandelt der Artikel nicht im engeren Sinn, sondern vor allem philosophische, anthropologische und bildungstheoretische Fragen. Berührt werden indirekt jedoch Fragen nach dem Menschenbild, nach Verantwortung, nach Freiheit, nach Herrschaft über Natur sowie nach ethischer Orientierung in der Gegenwart.

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Der Artikel setzt bei Theodor W. Adornos Überzeugung an, dass Demokratie nur dann ihrem eigenen Anspruch gerecht wird, wenn es mündige Menschen gibt. Demokratie ist demnach nicht einfach durch ihre Institutionen gesichert, sondern muss immer wieder durch Bildung und kritische Selbstreflexion der Menschen neu getragen werden. Mündigkeit bedeutet dabei mehr als bloße Selbstständigkeit. Sie beschreibt ein kritisches Selbst und Gesellschaftsverhältnis, in dem Menschen sich reflektiert, nicht anpasserisch und widerständig zu sich selbst, zu anderen und zu gesellschaftlichen Vorgaben verhalten.

Ausgehend davon skizziert der Text Adornos Gesellschaftskritik. Deren Ausgangspunkt ist die Einsicht, dass die gesellschaftlichen Bedingungen, die zu Faschismus und Unmenschlichkeit geführt haben, nicht einfach verschwunden sind. Adorno fragt deshalb, wie gesellschaftliche Strukturen sich verselbstständigen, Menschen unterdrücken und Emanzipation verhindern können. Dabei kritisiert er eine Form von Aufklärung, die Vernunft einseitig als zweckrationales Instrument versteht. In einer solchen Entwicklung wird die Welt nur noch als Objekt betrachtet, das beherrscht, eingeordnet und genutzt werden soll. Diese Haltung führt nicht nur zu Herrschaft über andere Menschen und über die Natur, sondern auch zu einer Verdinglichung des Menschen selbst.

Der Artikel zeigt, dass sich diese Entwicklung bis heute fortsetzt. Genannt werden Leistungsdruck in Schule und Arbeitswelt, eine von Zweckrationalität geprägte Lebensweise und die fortschreitende Umweltzerstörung. Besonders an Schulen wird der Widerspruch deutlich: Zwar wird selbstständiges und kritisches Denken offiziell gefordert, im Alltag dominieren jedoch Stoffvermittlung, Bewertung und Notendruck. Dadurch entstehen zu wenig offene Räume, in denen Lernende angstfrei denken, Erfahrungen machen und sich politisch oder existenziell mit der Welt auseinandersetzen können.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Anthropozän. Dieses neue Erdzeitalter beschreibt den Menschen als planetarische Kraft, die geologische, biologische und klimatische Prozesse tiefgreifend verändert. Im Rückgriff auf Adorno deutet der Artikel den menschengemachten Klimawandel als Ausdruck einer Haltung, die Natur vor allem als Ressource für menschliche Bedürfnisse versteht. Der Mensch begegnet der Umwelt nicht als Gegenüber, sondern als etwas, das verfügbar gemacht und kontrolliert werden soll. Darin zeigt sich dieselbe zweckrationale und herrschaftsförmige Logik, die Adorno kritisiert.

Im nächsten Schritt erläutert der Beitrag Adornos Begriff von Mündigkeit. Mündigkeit ist eine dynamische Größe, die sich im Prozess entwickelt. Sie zeigt sich in Autonomie, Kritikfähigkeit, Widerspruch und Widerstand. Widerstand meint dabei nicht nur äußeres Handeln, etwa Protest, sondern beginnt schon im Denken. Mündig ist, wer für sich selbst denkt, vorgegebene Meinungen prüft und zwischen wirklicher Erkenntnis und bloßer Übernahme gesellschaftlicher Konventionen unterscheiden kann. Kritik setzt also die Fähigkeit zur Differenzierung voraus und verlangt, dass scheinbar selbstverständliche Regeln, Normen und Funktionslogiken hinterfragt werden.

Darauf aufbauend entwickelt die Autorin den Begriff des widerständigen Denkens. Dieses Denken widersetzt sich allgemeinen, hegemonialen und vorschnellen Deutungen. Es setzt sich mit dem Gegenüber auseinander, statt es einfach einzuordnen oder zu beherrschen. Mündigkeit wird so als ein Verhältnis verstanden. Sie besteht nicht darin, sich völlig von gesellschaftlichen Bedingungen zu lösen, sondern diese Bedingungen bewusst wahrzunehmen, die eigene Verstrickung zu erkennen und gerade darin kritisch handlungsfähig zu werden. Der Mensch kann keine neutrale Außenposition einnehmen, sondern ist immer Teil der Welt, die er beurteilt. Deshalb beginnt Emanzipation nicht mit vollständiger Befreiung aus allen Verhältnissen, sondern mit deren bewusster Reflexion.

Im Ausblick wendet der Artikel diese Überlegungen erneut auf das Anthropozän an. Er problematisiert, dass auch die Reaktionen auf die Klimakrise häufig von demselben Denken geprägt sind, das die Krise hervorgebracht hat. Wenn technische Beherrschung und große gesellschaftliche Selbsttransformation als Lösung präsentiert werden, bleibt oft unhinterfragt, ob damit nicht erneut ein souveränes Selbstverständnis des Menschen bestätigt wird. Zudem weist der Text darauf hin, dass weniger privilegierte Menschen, etwa aus dem globalen Süden, in solchen Deutungen oft kaum vorkommen. Der Artikel endet mit der Forderung, Mündigkeit als kritisch widerständige Reflexionspraxis umfassend zu fördern. Menschen sollen ermutigt werden, sich selbst, ihre gesellschaftliche Stellung und ihr Verhältnis zu anderen und zur Umwelt zu hinterfragen. Darin sieht die Autorin einen zentralen Bildungsauftrag und eine notwendige Voraussetzung für verantwortliches Denken und Handeln in der Gegenwart.

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