Die Dokumentation eignet sich in besonderer Weise für den katholischen Religionsunterricht ab der Sekundarstufe II, weil sie historische Erfahrungen von Juden im 20. Jahrhundert eindrucksvoll vermittelt und so Brücken zu theologischen und ethischen Fragen eröffnet. Schülerinnen und Schüler begegnen durch die Zeugnisse Zeitgenossen, deren Lebensgeschichten konkrete Erfahrungen von Diskriminierung, Verfolgung und Verlust sichtbar machen. Damit eröffnet sich die Möglichkeit, zentrale Themen wie Religionsfreiheit, Menschenwürde, Identität und Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft zu reflektieren.
Der Film kann im Unterricht zunächst als authentisches Zeugnis eingesetzt werden, um die Schülerinnen und Schüler emotional zu erreichen. Die persönlichen Erzählungen – etwa von Kindheitserfahrungen voller Angst, von der Demütigung, jüdisch sein zu müssen verschweigen, oder von traumatischen Fluchterlebnissen – regen zum Nachdenken an und wecken Empathie. Anschließend können die Aussagen historisch eingeordnet werden: Was waren die politischen Hintergründe der Fluchtbewegungen? Welche Rolle spielten Kolonialismus, Nationalismus und die Gründung des Staates Israel? Hierbei lassen sich auch Verbindungen zur allgemeinen Geschichte des 20. Jahrhunderts herstellen.
Im nächsten Schritt können die Lernenden die religiöse Dimension erschließen. Der Film zeigt, wie jüdische Identität inmitten von Bedrohung gelebt wurde – sei es in der Feier von Schawuot oder in der Erinnerung an die Propheten. Dies kann im Religionsunterricht mit der Frage verknüpft werden, wie Glauben Menschen trägt und ihnen Identität gibt, auch wenn äußere Umstände feindlich sind. Gleichzeitig lässt sich ein Brückenschlag zum Christentum und zum Islam anregen: Welche Chancen und Schwierigkeiten entstehen, wenn Religionen in enger Nachbarschaft zueinander leben? Wo liegen Potenziale für Dialog und wo Gefahren für Abgrenzung und Gewalt?
Methodisch bietet sich die Arbeit mit ausgewählten Szenen der Zeitzeugenberichte an, die von den Schüler:innen in Kleingruppen ausgewertet werden. Die Gruppen können Leitfragen bearbeiten wie: Welche Erfahrungen von Angst, Verlust und Hoffnung werden sichtbar? Wie prägt Religion die Identität dieser Menschen? Welche Parallelen und Unterschiede gibt es zu heutigen Diskussionen über Flucht und Migration? Ergebnisse können in Collagen, Tagebuch-Einträgen aus Sicht der Zeitzeugen oder Diskussionsrunden aufbereitet werden. Eine Vertiefung kann durch den Vergleich mit biblischen Erfahrungen von Exil und Diaspora erfolgen (z. B. das babylonische Exil im Buch Ezechiel), wodurch deutlich wird, wie sehr Erfahrungen von Fremdheit und Verlust das jüdische Selbstverständnis geprägt haben.
So trägt die Auseinandersetzung mit der Dokumentation nicht nur zu einem vertieften historischen Verständnis bei, sondern fördert auch die interreligiöse Dialogkompetenz, Empathiefähigkeit und Urteilsbildung der Schülerinnen und Schüler. Sie lernen, religiöse Minderheitserfahrungen in der Geschichte wahrzunehmen, sie mit biblischen und theologischen Perspektiven zu verbinden und Konsequenzen für den Umgang mit religiöser Vielfalt und Menschenrechten in der Gegenwart zu ziehen.