Der Artikel von Francesco Zaccaria behandelt die Potenziale der Volksreligiosität (popular religiosity) für die religiöse Erziehung von Kindern im katholischen italienischen Kontext. Die Grundthese lautet, dass populäre religiöse Praktiken trotz Modernisierung und Säkularisierung eine wichtige und oft unterschätzte Ressource darstellen. Im ersten Teil wird die theologische Grundlage dargelegt, die auf der „Theologie des Volkes" basiert, insbesondere auf Rafael Tellos Verständnis des Glaubensakts nach Thomas von Aquin (credere Deum, credere Deo, credere in Deum). Der Autor argumentiert, dass Volksreligiosität zwei dieser drei Dimensionen betont – das Vertrauen zu Gott und die Hinwendung zu ihm – und damit einen echten Glaubensakt darstellt. Diese Perspektive wurde von Papst Franziskus in Evangelii Gaudium als „locus theologicus" anerkannt. Im zweiten Teil wird gezeigt, wie Volksreligiosität eine Familienressource darstellt. Frühe religiöse Erfahrungen durch populäre Rituale (Gebete zu Maria und den Heiligen, Weihnachtskrippen, Wallfahrten, Prozessionen) sind oft die einzige religiöse Grundlage für moderne Familien, die nicht regelmäßig Gottesdienste besuchen. Solche Rituale fördern die kognitiv-emotionale Entwicklung von Kindern und ermöglichen ihnen, Bedeutung zu konstruieren. Der dritte Teil analysiert Volksreligiosität als Ritualressource. Populäre religiöse Praktiken betonen emotionale, non-verbale und körperliche Elemente, die liturgische Praktiken sinnvoll ergänzen. Diese Praktiken ermöglichen unmittelbare Gotteserfahrung und sprechen Aspekte an, die formale Liturgie oft vernachlässigt. Im vierten Teil wird das Konzept der „diffusen Religion" in Italien erörtert – eine kulturelle Religiosität, die bei Italienern weit verbreitet ist, die nicht regelmäßig die Kirche besuchen. Diese bietet Seelsorgern Gelegenheiten zum Dialog mit sogenannten „lapsed Catholics". Schlussfolgernd fordert der Autor ein Umdenken bei kirchlichen Vertretern: Sie sollten Volksreligiosität nicht nur „reinigen" oder als Evangelisierungsgelegenheit nutzen, sondern als authentischen Glaubensausdruck anerkennen, in dem der Heilige Geist wirkt.