Georg Langenhorst behandelt in seinem Artikel ein religionspädagogisch bislang vernachlässigtes Phänomen: die Entstehung evangelikal-charismatischer Bewegungen im deutschsprachigen Raum, die sich gleichzeitig aus freikirchlichen und römisch-katholischen Traditionen speisen. Das Gebetshaus Augsburg und seine MEHR-Konferenz dienen als Beispiel für diese erfolgreichen, medial geschickt inszenierten Bewegungen, die zunehmend breite Bevölkerungsschichten erreichen und besonders junge Menschen anziehen. Der Autor würdigt zunächst die Stärken dieser Bewegungen: Sie bieten Erlebnisräume und Erfahrungsgemeinschaften, die klassische Kirchengemeinden nicht (mehr) bereitstellen können. Sie erfüllen Bedürfnisse, die in traditionellen Formen der Gemeindearbeit nicht befriedigt werden, insbesondere durch die Anwesenheit ausstrahlungsstarker peers und durch ein System von Sinngebung und Zielorientierung. Sie erreichen auch Menschen, die bislang keinen Kontakt zum Christentum hatten. Allerdings identifiziert Langenhorst mehrere religionspädagogische Herausforderungen: (1) Die Überlegenheitsrhetorik, die anders gelebte Religiosität als halbherzig oder minderwertig abwertet und damit sektiererische Züge trägt. (2) Die Betonung eines radikalen, entschiedenen Christseins, das für Schulen als Lernorte problematisch ist und Alternativen ausschließt. (3) Ein geschminktes Menschenbild, das biblische Formen wie Klage, Zweifel und Suche ausschließt und sich stattdessen fast ausschließlich auf Lobpreis konzentriert. (4) Ein diakonisches Defizit: Die Nächsten- und Fernstenliebe kommt zu kurz, der Fokus liegt auf Vermehrung der eigenen Kohorte. (5) Eine Tendenz zur Simplifizierung, die der Komplexität moderner pluralistischer Gesellschaften nicht gerecht wird und damit der Zielstellung einer „pluralitätsfähigen Identität" widerspricht. Der Autor betont, dass diese Anfragen die Religionspädagogik selbst zu Rückfragen zwingen: Sie muss überprüfen, ob ihre eigene Praxis noch „brennt", ob Begeisterung und Rationalität zusammengehen können, und ob die intellektuell vertretenen Positionen in echter Lebensentscheidung gründen. Gleichzeitig warnt er davor, das Ziel individueller Mündigkeit und reflektierter Eigenentscheidung auf dem Altar von Erlebbarkeit und Gruppenzugehörigkeit zu opfern. Die gegenwärtige Religionspädagogik sollte sich nicht nur nach außen dialogisch öffnen, sondern auch die Herausforderungen aus inneren Entwicklungen ernst nehmen.