Hans Mendl verfolgt in diesem Artikel die Rezeptionsgeschichte des Konstruktivismus in der deutschsprachigen Religionspädagogik und entwickelt ihn als tragfähiges Denkkonstrukt für die lerntheoretische Fundierung eines Subjektansatzes. Der Autor präsentiert vier zentrale Thesen: (1) Der Konstruktivismus erweist sich als hilfreiches Konzept für religionsdidaktische Prinzipien in der aktuellen Religionspädagogik. (2) Ein erkenntnistheoretischer Konstruktivismus ist mit einem christlichen Offenbarungsverständnis kompatibel. (3) Weder Lehrperson noch Inhalte werden überflüssig, verändern aber ihre Bedeutung im Lehr-Lernprozess. (4) Das lernende Subjekt ist Ausgangs- und Zielpunkt jeglichen Lernens, was gründliche Reflexion didaktischer Implikationen erfordert. Mendl rekonstruiert historisch, wie der Konstruktivismus seit den 1990er-Jahren im Kontext reformpädagogischer Aufbrüche und empirischer Religionsforschung in die Religionspädagogik Eingang fand. Er zeigt, dass die Arbeiten von Godwin Lämmermann, Gerhard Büttner und anderen zu einer „Konstruktivistischen Religionspädagogik" führten, die deskriptive Einsichten in normative didaktische Prinzipien konkretisierte. Der Artikel behandelt drei zentrale Anfragenkomplexe: (1) Theologische Fragen bezüglich der Vereinbarkeit konstruktivistischer Positionen mit Offenbarungsglaube. Mendl antwortet, dass nicht die Existenz einer Wirklichkeit außerhalb des Erkennenden bezweifelt wird, sondern deren vermeintlich objektive Erkennbarkeit. Die Rekonstruktion von Wahrheit erscheint sozial ausgehandelt und kontextuell bedingt, was zum christlichen Glauben nicht im Widerspruch steht. (2) Pädagogische Fragen zur praktischen Umsetzung konstruktivistischer Lerntheorie: Mendl warnt vor einer einseitigen Interpretation, die Lehrpersonen in den Hintergrund drängt und Inhalte marginalisiert. Stattdessen vertritt er ein „Angebots-Nutzungs-Modell" und eine „Ermöglichungs-Didaktik", die zwischen Vermittlung von Weltwissen durch die Lehrperson und dessen Aneignung durch Lernende differenziert. (3) Wissenschaftstheoretische Fragen zur Übertragung biologischer und kybernetischer Basistheorien auf pädagogische Kontexte. Mendl betont, dass zentrale konstruktivistische Begriffe analog verwendet werden müssen. Mendl konkretisiert die didaktischen Chancen konstruktivistischen Lernens anhand verschiedener Unterrichtsmodelle und -schemata, die von schulischen Umgestaltungen bis zu Projektszenarien reichen. Das Konzept der „Lernlandschaft" wird als Metapher für konstruktivistisch ausgestaltete Lernumgebungen etabliert. Abschließend betont der Autor, dass Konstruktivismus kein umfassendes „Konzept", sondern ein „Prinzip" ist, das zur Bündelung vieler didaktischer Neuerungen hilft, die sich der Subjektorientierung verpflichten. Mit Comenius formuliert Mendl das Ziel: „Erstes und letztes Ziel unserer Didaktik soll es sein, die Unterrichtsweise aufzuspüren und zu erkunden, bei welcher die Lehrer weniger zu lehren brauchen, die Schüler dennoch mehr lernen."