Der Artikel basiert auf der qualitativen Studie "Der Islam" in der Kontroverse, in der Gruppendiskussionen mit Schülerinnen und Schülern, Lehrpersonen und Eltern an vier Schulen in Nordrhein-Westfalen durchgeführt wurden (N=76). Die Forschung untersucht die Polarisierungseffekte und Auslösepunkte (Trigger Points) von Islam-bezogenen Kontroversen im schulischen Kontext. Die Autorinnen und Autoren identifizieren die Ambivalenz von Islam-bezogenen Kontroversen: Sie sind emotional aufgeladen, berühren Identitätsfragen und entziehen sich pädagogischer Kontrolle. Die Studie differenziert drei Perspektiven auf diese Kontroversen: (1) Demokratie – Kontroversen signalisieren Partizipationsforderungen und Institutionalisierungsprozesse islamischer Praktiken; (2) Ressentiment – Kontroversen reproduzieren Stereotypen und Rassismus; (3) Agitation – Kontroversen bieten Gelegenheitsstrukturen für politische Mobilisierung. Methodologisch verbinden die Autorinnen und Autoren die dokumentarische Methode mit einer affektsoziologischen Perspektive auf Triggerpunkte. Im Analyseprozess entwickeln sie das zentrale Konzept der "Sakralitätsverletzung" als spezifischen Auslösepunkt religiöser Kontroversen. Eine Sakralitätsverletzung wird verstanden als Erfahrung der Profanation, in der die Differenz zwischen dem Heiligen und dem Normalen aufgehoben wird. Am Beispiel der Bildprohibition im Islam rekonstruieren die Autorinnen und Autoren drei Typen von Sakralitätsverletzungen: (1) "Sakralität in Übersetzung" – die Verletzung wird in säkulare Begriffe wie persönliche Integrität übersetzt; (2) "Sakralität als theologische Differenz zur Normalität" – die Verletzung bezieht sich auf das Verhältnis zu Gott und Propheten als heiligen Entitäten; (3) "Sakrifizierung des Normalen" – die Verletzung liegt in der Erwartung, dass religiöse Regeln die gesamte Lebenswelt durchdringen sollen, unabhängig von individuellen Überzeugungen. Die Studie zeigt, dass die Unterscheidung zwischen inner-islamisch-theologischen und politisch-sozialen Kontroversen künstlich ist. Die affektive Aufladung diskursiver Inhalte erschwert diskursives Verständnis erheblich. Die Fähigkeit, Perspektiven anderer zu übernehmen und die eigene Normativität in Form von Unsicherheit auszudrücken, ist in diesem Kontext bemerkenswert voraussetzungsvoll. Abschließend betonen die Autorinnen und Autoren, dass das Konzept der Sakralitätsverletzung keine normative Theorie des Heiligen entwickelt. In einer demokratischen und super-diversen Migrationsgesellschaft würde es problematisch, wenn Sakralitätsverletzungen als letzte Begründung für normative Ansprüche dienen würden. Dennoch bietet das Konzept einen Ausgangspunkt für die Erforschung kommunikativer Begegnungen und die Differenzierung problematischer Formen von Kontroversität.