Rudolf Englert erörtert in seinem Artikel das Phänomen der gegenwärtigen „Aufklärungsskepsis" als zentrales Problem der Religionspädagogik. Ausgehend von zwei anschaulichen Gedankenbildern – einem Pädagogik-Seminar der 1970er-Jahre mit engagiertem Diskurs über Rousseau und einem zeitgenössischen Massenunterricht mit Powerpoint-Präsentationen – identifiziert er tiefgreifende Veränderungen in der Hochschullandschaft. Die Analyse erfolgt entlang dreier Dimensionen: (1) Die studentische Lebensform hat sich fundamental gewandelt – Studieren ist keine privilegierte Lebensform und kein intellektuelles Moratorium mehr, sondern eine Investition in verwertbares Wissen für den Arbeitsmarkt. (2) Das universitäre Lehr- und Lernformat orientiert sich pragmatisch an Informationsvermittlung, Visualisierung und Verfügbarmachung von Wissen statt an tiefem Verstehen. (3) Das lebensweltliche Interesse an Bildung hat sich verschoben: Erkenntnis als Generator neuer Einsichten verliert an Bedeutung zugunsten von gesicherter, verwertbarer Information mit zeitlich begrenztem Haltbarkeitsanspruch. Englert identifiziert drei Komponenten dieser geistigen Verfassung: die Heiligung des Erfolgs, den Abstieg des Intellektuellen als gesellschaftliche Schicht und Habitus, sowie den Kursverfall der Erkenntnis. Er zeigt, wie Naturalismus und Konstruktivismus als diskursprägende Theorien Aufklärungsansprüche diskreditieren. Besonders für die Theologie und Religionspädagogik sind diese Entwicklungen problematisch, da sie traditionell auf einen Erkenntnismodus bauen, der das stufenweise Vertiefen von Verständnis anstrebt. Englert diagnostiziert drei typische Haltungen, mit denen Religionspädagogik heute konfrontiert wird: religiöser Indifferentismus (alle religiösen Positionen scheinen gleich gültig), religiöser Dezisionismus (sprunghafte Entscheidung für ein System absoluter Wahrheiten) und religiöser Emotivismus (Privilegierung des Gefühls vor Verstand). Abschließend bewertet Englert die Aufklärungsskepsis ambivalent: Sie ist Symptom echter gesellschaftlicher Defizite – einer gnadenlos durchorganisierten, systemisch-rationalen Gesellschaft, die aufklärerische Tugenden nicht mehr „braucht". Gleichzeitig mahnt die Skepsis zur kritischen Reflexion problematischer Implikationen des aufklärerischen Erbes selbst, wie Horkheimer und Adorno in ihrer „Dialektik der Aufklärung" aufgezeigt haben.