Der Artikel setzt sich kritisch mit dem EKD-Grundlagentext „Religiöse Bildung angesichts von Konfessionslosigkeit" auseinander und fragt, welche Herausforderungen Konfessionslosigkeit für das kirchliche Bildungshandeln der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern darstellt. Die zentrale These lautet, dass die besondere Herausforderung weniger in der formalen Nicht-Mitgliedschaft liegt, sondern in einem Resonanzverlust innerhalb der Kirche selbst – ein Phänomen, das mit dem englischen Begriff „belonging without believing" treffend beschrieben wird.
Die Begriffsklärung offenbart eine grundsätzliche Problematik: Der Begriff „Konfessionslosigkeit" ist sowohl formal unscharf als auch defizitorientiert. Er beschreibt primär eine rechtliche Kategorie (Kirchenmitgliedschaft ja/nein), vermag aber nicht, die religiösen Einstellungen und Glaubenspraxen dahinter abzubilden. Besonders problematisch ist die implizite Fremdzuschreibung aus einer christlichen Perspektive. Der Autor argumentiert überzeugend, dass eine rein formale Definition vorzuziehen ist und dass eine Auseinandersetzung mit der eigenen Konfessionalität hilfreicher wäre als eine weitere Ausarbeitung des Problems der Konfessionslosigkeit.
Die eigentliche Diagnose betrifft den Resonanzverlust: Empirisch zeigt sich, dass christliche Überzeugungen für fast die Hälfte der befragten Protestanten keine bedeutsame Rolle spielen. Die kontinuierliche Abnahme der Teilnehmerzahlen beim evangelischen Religionsunterricht in Bayern unterstreicht dies eindrucksvoll. Der Autor interpretiert diesen Verlust nicht nur als Folge säkularer Trends, sondern analysiert ihn vor dem Hintergrund von Andreas Reckwitz' These der „Krise des Allgemeinen" in der Spätmoderne: Institutionen, die sich nicht profilieren und ihre Besonderheit nicht erkennbar machen, werden von allgemeinen gesellschaftlichen Tendenzen mitgerissen.
Entscheidend ist die Verlagerung der Perspektive auf die kommunikative Dimension: Wenn die Kirche ihre Aufgabe darin sieht, das Evangelium zu kommunizieren, stellt sich die zentrale Frage, warum diese Kommunikation nicht zum gewünschten Erfolg führt. Die Antwort liegt möglicherweise darin, dass die sprachlichen und begrifflichen Grundlagen dieser Kommunikation nicht mehr selbstverständlich sind. Wie die empirische Forschung zeigt, ist „Gott" weder als Begriff noch in seiner Existenz unter evangelischen Jugendlichen und Konfessionslosen selbstverständlich. Es fehlen die gemeinsamen Worte und die sprachliche Basis, auf derer Grundlage über Glaubensfragen überhaupt noch gesprochen werden kann.
Der Artikel verweist damit auf ein fundamentales Problem: Der Kirche mangelt es nicht primär an Engagement oder Ressourcen in der religiösen Bildung, sondern an der Fähigkeit, die Inhalte der biblischen Botschaft auf glaubwürdige und verständliche Weise zu formulieren und zu vermitteln.