Die Bibeldidaktik steht vor einem Dilemma: Während aktuelle Lehrpläne von Schülerinnen und Schülern verlangen, biblische Texte methodisch angemessen zu erschließen, ihre Sprachformen zu deuten und existenzielle Erfahrungen darin zu erkennen, empfiehlt die gegenwärtige Fachdidaktik vielfach, den Originaltext zu vermeiden. Stattdessen werden Nacherzählungen bevorzugt – als „Königsweg" der Bibelarbeit. Der vorliegende Beitrag problematisiert diese Diskrepanz und begründet, warum die direkte Auseinandersetzung mit dem biblischen Text unverzichtbar ist.
Der Autor rekonstruiert zunächst die beiden einflussreichsten Erzählkonzepte der letzten Jahrzehnte: Walter Neidharts Ansatz einer lebendigen, theologisch konturierten Nachgestaltung sowie Dietrich Steinwedes „entfaltendes Erzählen", das sich textgetreuer präsentiert, aber ebenfalls erhebliche sprachliche Transformationen vornimmt. Beide Methoden haben sich praktisch bewährt, doch teilen sie ein grundlegendes Problem: Sie stellen den Schülerinnen und Schülern nicht den biblischen Text als Text entgegen, sondern Bearbeitungen desselben. Zugleich tritt in beiden Fällen der Erzähler – nicht die lernende Person – als Primärinterpreter auf.
Demgegenüber argumentiert der Beitrag aus mehreren Perspektiven für eine Neuausrichtung: Curricular lassen sich die anspruchsvollen Ziele der Bildungspläne kaum ohne Konfrontation mit dem Original erreichen. Theologisch ist der Bibeltext selbst – nicht seine Transformationen – die entscheidende Referenz. Kulturgeschichtlich braucht es zur Deutungskompetenz über biblische Phänomene den Bezug auf die Originaltexte. Und pädagogisch-emanzipatorisch führt der Weg zur religiösen Mündigkeit über die Selbstaneignung des Textes durch die Lernenden selbst.
Die vorgeschlagene Lösung liegt in einem „aktualisierenden Erzählen", das das didaktische Prinzip der „Textgemäßen Adressatenorientiertheit" umsetzt: Es bewahrt die Integrität des biblischen Textes, regt aber zugleich die Sich-Bildenden zur eigenen interpretativen Auseinandersetzung an. Dadurch werden Deutungs- und Urteilskompetenz nicht delegiert, sondern bei den Lernenden selbst entwickelt – als Grundlage religiöser Selbstbestimmung und Mündigkeit.