Die Frage, ob „die Mitte" in modernen Gesellschaften verloren geht, zieht sich durch Jahrzehnte wissenschaftlicher und kultureller Debatten – doch was genau ist gemeint, wenn Soziologinnen, Politikerinnen und Kulturkritiker von dieser Mitte sprechen? Der Artikel untersucht aktuelle Diskussionen über neue soziale Spaltungen in den USA, Großbritannien, Frankreich und Deutschland und zeigt dabei, dass die Sehnsucht nach einer stabilen Mitte kulturell grundiert ist. In Deutschland etwa prägen Schichtenmodelle die Debatte, die sich metaphorisch an der Zwiebel orientieren – eine dicke Mitte bedeutet gesellschaftliches Wohlbefinden. Britische Soziologinnen dagegen interessieren sich mehr für Mobilität zwischen Klassen, während Frankreich normativ nach der Glaubwürdigkeit von Eliten fragt. Diese Unterschiede sind nicht bloß terminologisch, sondern spiegeln tiefe kulturelle Ideale wider. Der Artikel nutzt die Emotionssoziologie von Arlie Russell Hochschild als empirisches Fenster: Ihre Feldforschung über Tea-Party-Anhängerinnen in Louisiana offenbarte nicht nur ein politisches, sondern ein tiefes kulturelles Auseinanderfallen – zwischen urbanen, akademisch gebildeten Westküstenmilieus und religiös, konservativ geprägten Landregionen. Diese Unvermittelbarkeit entsteht durch eine Verschränkung von sozialstrukturell-ökonomischer Lage und kulturellen Identitäten. Der Artikel plädiert abschließend dafür, die Vermittlung nicht mehr in „der Mitte" zwischen polarisierten Positionen zu suchen, sondern in einem formalisierten Dritten: dem Verfahren. Eine religionspädagogisch relevante Perspektive auf Polarisierung, kulturelle Differenzen und die Frage, wie Verständigung trotz unversöhnlicher Unterschiede möglich sein kann.