Was sind die unsichtbaren Erzählmuster, die unsere religionspädagogische Forschung prägen? Dieser Frage geht der vorliegende Beitrag nach, indem er zwei komplementäre Perspektiven auf Narrative unterscheidet: Narrative können einerseits als Forschungsobjekt untersucht werden – etwa wenn man analysiert, wie Musik, Bilder oder mediale Berichterstattung Geschichten erzählen. Andererseits prägen Narrative selbst die wissenschaftliche Forschung, ohne dass wir uns dieser Prägung meist bewusst sind. Der Autor illustriert dies anhand konkreter Beispiele: von der formalen Struktur eines Jazz-Stücks von Charlie Haden bis zur Analyse von Islam-Narrativen in der Tagesthemen-Berichterstattung. Zentral ist die Einsicht, dass narrative Strukturen als „heuristische Konstrukte" des Forschers verstanden werden sollten – nicht als objektive Realität, sondern als methodisch nachvollziehbare Interpretationen. Am Beispiel des interreligiösen Lernens wird dann herausgearbeitet, welches implizite Narrativ dieser religionspädagogischen Rede zugrunde liegt und welche „blinden Flecken" dadurch entstehen. Obwohl sich blinde Flecken nicht vollständig vermeiden lassen – schließlich lässt sich keine Perspektive vermeiden – können sie durch Metareflexion der eigenen fachlichen Narrative transparent gemacht und damit Perspektiven erweitert werden. Dieser selbstreflexive Zugang eröffnet neue Möglichkeiten für eine bewusstere, kritischere religionspädagogische Forschungspraxis.