Wie sieht Religionsunterricht an Schulen in sozial benachteiligten Lagen aus – und welche Möglichkeiten hat er, Bildungsgerechtigkeit zu verwirklichen? Dieser Frage geht das Forschungsprojekt „Religion, Armut und Migration in Schulen" nach, das an zehn nicht-gymnasialen Schulen der höchsten Standorttypen im Ruhrgebiet untersucht, wie Religionsunterricht unter schwierigen Bedingungen gestaltet wird. Während die Religionspädagogik wiederholt Bildungs- und Teilhabegerechtigkeit als Kernaufgabe des Religionsunterrichts benannt hat, mangelt es bisher an empirischen Einblicken in den Unterrichtsalltag an solchen Schulen – wodurch die Wissenschaft selbst Gefahr läuft, einer Mittelschichtsorientierung zu unterliegen. Das Projekt folgt dabei dem Ansatz der kontextbezogenen Unterrichtsforschung und untersucht nicht nur den Unterricht selbst, sondern auch seine sozialen, räumlichen und organisatorischen Kontexte. Die bisherigen Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild: An Schulen in sozial benachteiligten Lagen führt der massive Ressourcen- und Personalmangel dazu, dass der Religionsunterricht an den Rand des Schulalltags gerät und seine Gestalt verändert – konfessionsbezogener Unterricht ist eher selten, stattdessen wird epochal oder im Klassenverband unterrichtet. Gleichzeitig beobachten die Forscherinnen eine problematische Defizitorientierung: Pädagogische Fachkräfte reattribuieren die durch Unterversorgung entstehenden Probleme auf die Schüler*innen und ihre religiösen Hintergründe. Dennoch entwickeln Religionslehrkräfte vor Ort eigene Unterrichtsmodelle, die an die spezifischen Bedarfe ihrer Schulen angepasst sind – „aus der Not heraus" entstehen alternative Ansätze jenseits der wissenschaftlichen Mitte.