Wie bedeutsam ist Religion für geflüchtete Jugendliche in Deutschland – als Ressource für Integration oder als Risiko? Dieser Frage geht der vorliegende Artikel nach und schließt damit eine erhebliche Forschungslücke. Während zahlreiche Studien belegen, dass Migrant*innen in Deutschland eine signifikant höhere Religiosität aufweisen als die deutsche Mehrheitsbevölkerung, ist empirisches Wissen über die Rolle von Religion speziell für geflüchtete Jugendliche bislang dünn gesät. Dabei besteht ein großes Spannungsfeld: Religion kann für junge Menschen in der Umbruchsituation von Flucht und Integration stabilisierend wirken, Identität stärken und psychische Ressourcen mobilisieren. Gleichzeitig besteht das Risiko, dass fundamentalistische oder extremistische Religiosität Integration behindert oder zu Isolation führt. Der Artikel präsentiert zunächst eine systematische Auswertung des internationalen Forschungsstands zu Religiosität von Migrant*innen und Geflüchteten – differenziert nach Intensität und Entwicklung der Religiosität sowie nach ihrer Funktion als förderliche Ressource oder als lebensbeeinträchtigendes Risiko. Dabei zeigt sich: Die Forschung konzentriert sich bislang stark auf muslimische Zuwanderer, während nichtmuslimische Migrant*innen unterrepräsentiert sind. Im zweiten Teil präsentiert der Artikel Ergebnisse einer eigenen qualitativen Pilotstudie mit 22 geflüchteten Jugendlichen. Diese Kombination aus Forschungsüberblick und empirischen Originalergebnissen ermöglicht es, vorläufige Einsichten für künftige Forschungsvorhaben, bildungspolitische Maßnahmen und religionspädagogische Angebote zu gewinnen – gerade in einer Zeit, in der Religion in der öffentlichen Integrationsdebatte eine zentrale, oft ideologisch aufgeladene Rolle spielt.