Biblische Texte sind emotional aufgeladen – sie berühren, bewegen, trösten und verstören ihre Leser:innen. Doch während erfahrungsbezogene Bibeldidaktik diesen subjektiven Zugang längst in den Mittelpunkt stellt, werden Emotionen als eigenständige Dimension religiösen Lernens bislang selten explizit reflektiert. Der Artikel schließt diese Lücke: Er zeigt, wie biblische Texte durch ihre charakteristische Erzählweise – ihre Kargheit und Andeutungshaftigkeit – emotionale Resonanz erzeugen, und wie rezeptionsästhetische sowie pragmalinguistische Ansätze diesen Mechanismus erklären. Im Zentrum steht die These, dass die „Leerstellen" biblischer Erzählungen wie der Passionsgeschichte des Markus Menschen einladen, ihre eigenen Erfahrungen und Gefühle in den Text einzutragen und diese dadurch bewusst zu machen und zu transformieren. Die erfahrungsbezogene Bibeldidaktik, die seit den 1970er Jahren gegen die Dominanz des rationalen, historisch-kritischen Zugangs anarbeitet, bildet die konzeptionelle Grundlage für eine solche emotionale Öffnung. Ausgehend von der Geschichte dieser didaktischen Wendung wird am Beispiel des Bibliologs konkretisiert, wie methodische Settings emotionale Lernprozesse systematisch fördern können. Dies ist nicht nur für das theoretische Verständnis von Biblischer Hermeneutik relevant, sondern auch für die Praxis in Schule, Konfirmandenunterricht und Erwachsenenbildung – überall dort, wo Menschen mit biblischen Texten in Berührung kommen und davon wirklich „bewohnt" werden sollen.