Das hessische Exzellenzprojekt Religiöse Positionierung (RelPos, 2017–2021) hat sich systematisch mit der Frage auseinandergesetzt, wie sich Schülerinnen und Schüler in jüdischen, christlichen und islamischen Kontexten positionieren. Der vorliegende Artikel dokumentiert die Ergebnisse des religionspädagogischen Teilprojekts aus diesem interdisziplinären Forschungsverbund an der Goethe-Universität Frankfurt und der Justus-Liebig-Universität Gießen. Im Fokus steht eine systematische Analyse von Positionierungsaufgaben aus Schulbüchern für den Ethik- und Religionsunterricht – ein Forschungsfeld, das bislang wenig bearbeitet wurde.
Der Text ordnet das Vorhaben in den aktuellen bildungspolitischen Diskurs ein: Der sogenannte Koblenzer Konsens hat die Frage nach Positionalität und Positionierung in der religiösen Bildung neu auf die Agenda gebracht. Dabei wird eine wichtige begriffliche Unterscheidung deutlich: Während „Positionalität" eher statische Überzeugungen suggeriert, verweist das Verb „sich positionieren" auf den Prozesscharakter dynamischer, situativ wechselnder Standpunktbildung. Diese Unterscheidung ist für die Religionspädagogik grundlegend.
Die Aufgabenanalyse zeigt, dass Lernaufgaben unterschiedliche Etappen eines facettenreichen Positionierungsprozesses repräsentieren. Das Forschungsteam unterscheidet dabei zwischen verschiedenen kognitiven Komplexitätsstufen und Teilprozessen wie Urteilen, Entscheiden und Argumentieren. Die Analyse verdeutlicht, dass „sich positionieren" mehr umfasst als nur rationale Urteilsbildung – es geht um das Zusammenspiel von Denken, Fühlen und Handeln. Der Artikel plädiert fachdidaktisch dafür, diese unterschiedlichen Dimensionen im Unterricht bewusst zu unterscheiden und gezielt zu fördern. Die Ergebnisse eröffnen damit neue Perspektiven für die Gestaltung von Lernaufgaben und für das Selbstverständnis des Religionsunterrichts in einer pluralen Gesellschaft.