Die religiöse und weltanschauliche Pluralisierung moderner Gesellschaften stellt das deutsche Modell des separierten Religions- und Ethikunterrichts vor neue Herausforderungen. Der Beitrag untersucht, ob diese Pluralisierung einen Anlass zur verstärkten Kooperation zwischen Religionspädagogik und Ethikdidaktik bieten könnte – am Beispiel des niedersächsischen Faches „Werte und Normen".
Zunächst werden empirische Befunde zur religiösen Diversifizierung skizziert: Während die Mitgliedschaftsquoten der Kirchen seit den 1950er Jahren von über 95 % auf 52 % gesunken sind, hat sich die Religionslandschaft gleichzeitig durch Migration und Individualisierung ausdifferenziert. Es entstanden neue religiöse und konfessionslose Milieus. Besonders das Feld der Konfessionslosen erweist sich dabei als heterogen: Neben Atheisten und Areligiösen gibt es auch unter Konfessionslosen „Individuell-Religiöse" oder „Spirituelle". Jugendliche zeigen zudem unterschiedliche Muster: Während der Glaube für katholische und evangelische Jugendliche an Bedeutung verliert, schätzen muslimische Jugendliche ihren Glauben als persönlich bedeutsam ein – wobei dies weniger an religiösen Traditionen als an Migrationserfahrungen liegt.
Diese Diversifizierung verdichtet sich besonders im schulischen Raum. Der Autor argumentiert, dass beide Unterrichtsformen – konfessioneller Religionsunterricht und das Fach „Werte und Normen" – in der postsäkularen Konstellation aufeinander angewiesen sind. Sie könnten gemeinsam die Übersetzung zwischen religiösen und nicht-religiösen Vernunftpotentialen einüben und damit den von Habermas geforderten „komplementären Lernprozess" ermöglichen. Der Beitrag plädiert für eine punktuelle, pragmatische Zusammenarbeit beider Fächer, ohne dabei die professionspolitischen Unterschiede und gegenseitigen Vorbehalte zu verkennen.