Wie sollten Religions- und Ethik- bzw. Philosophieunterricht zueinander stehen? Michael Domsgen plädiert in seinem Beitrag für eine grundlegend reflexive Annäherung an diese Frage, die nicht bei formalen Regelungen stehen bleibt. Seine zentrale Forderung: Wer diese Fächer aufeinander bezieht, muss zunächst die eigene Sprechposition offenlegen – die internalisierte Normalitätsvorstellungen, Machtstrukturen und leitenden Motive, die das Denken prägen.
Domsgen entwickelt vier Thesen, die systematisch auf die Tiefenstrukturen des Problems zielen. Besondere Aufmerksamkeit gilt der Frage, wie mit Positionalität im Umgang mit Religion umzugehen ist. Hier zeigt sich eine Gretchenfrage der Religionspädagogik: Ist die perspektivische Gebundenheit hinderlich oder unverzichtbar für angemessenes Religionsverstehen? Die klassische Unterscheidung von learning in, from und about religion wird unter dieser Perspektive neu befragt – einschließlich der Frage, ob „learning against religion" einen legitimen Platz haben darf.
Ein zweiter Fokus liegt auf der Adressat*innenebene. Die empirische Realität zeigt: Religionsunterricht wird zunehmend von Schüler*innen mit heterogenen religiösen Hintergründen besucht. Ebenso im Ethikunterricht. Diese Mischung der Lerngruppen darf nicht übersehen werden, wenn man Unterrichtsinhalte und -profile für alle bedeutungsvoll gestalten will.
Im Kern argumentiert Domsgen für ein Komplementärverständnis statt bloß alternativer Zuordnung. Religion und Nicht-Religion sind voneinander abhängig; ihre Kategorien sind nicht „ortlos", sondern verwoben in je spezifische Bedingtheiten. Eine intensive, offene Kooperation beider Fächer könnte auf „blinde Flecken" im eigenen Gesichtsfeld hinweisen. Für Heranwachsende in einer verletzlichen Welt, die ihr Leben verantwortlich gestalten müssen, wäre dies gewinnbringend – erfordert aber ein Umdenken über bloße Nebenordnung hinaus.