Wie lassen sich Religionsunterricht und Ethikunterricht so verbinden, dass beide Perspektiven ihre Eigenständigkeit bewahren und gleichzeitig voneinander bereichert werden? Ein Kooperationsprojekt an einem Saarbrücker Gymnasium nimmt diese Frage ernst und erprobt ein didaktisches Modell, das auf theoretisch fundierten Konzepten basiert. Der Beitrag diskutiert ein zwölf Schulstunden umfassendes Projekt, bei dem Schüler:innen der Jahrgangsstufe elf parallel liegende Kurse in Evangelischer Religion und Allgemeiner Ethik durchliefen – allerdings neu vermischt und jeweils von einer Lehrkraft mit entsprechender Fachqualifikation unterrichtet. Theoretisches Fundament bilden zwei komplementäre Konzepte: „Transdifferenz" des jüdischen Religionsphilosophen Ephraim Meir und „ragione relazionale" (relationale Vernunft) des italienischen Soziologen Pierpaolo Donati. Beide Ansätze versuchen gerade aufgrund von Differenzen einen gemeinsamen hermeneutischen Raum zu schaffen, ohne die unterschiedlichen Weltdeutungsperspektiven zu nivellieren. Der didaktische Katalysator für diese Vermittlung sind relevanzorientierte Lernbewegungen: Schüler:innen erschließen sich selbstbestimmt und selbstwirksam Themen, die ihnen bedeutsam erscheinen, und betrachten diese aus beiden Perspektiven. Der Autor stellt nicht nur die theoretischen Grundlagen dar, sondern konkretisiert sie anhand praktischer Beispiele zum Thema „Streben nach Perfektion" und reflektiert die Chancen und Grenzen dieses kooperativen Modells kritisch.