Die Erzelternerzählungen des Genesis gehören zum festen Bestand des evangelischen und katholischen Religionsunterrichts – doch ihre theologische und didaktische Begründung lässt sich erstaunlich schwer nachweisen. Dieser Artikel geht der Frage nach, ob diese prominente Verankerung aus subjektorientierter und bibelwissenschaftlicher Perspektive wirklich gerechtfertigt ist und wie neuere theologische Einsichten – etwa aus der feministischen Theologie und dem interreligiösen Dialog – in modernen Unterrichtsmaterialien Berücksichtigung finden.
Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen ist dringend erforderlich, denn Religionslehrpersonen berichten von erheblichen Unsicherheiten: Welche Texte und Aspekte sollten behandelt werden? Wo liegen die tatsächlichen Lernchancen? Bisherige Zugänge erweisen sich oft als problematisch – sei es die traditionelle Fokussierung auf Abrahams gehorsamen Glauben als moralisches Vorbild oder emotional-erfahrungsorientierte Angebote, die in Trivialisierung oder gar psychologisch bedenkliche Identifikationsaufgaben münden.
Allerdings zeigen rezeptionsästhetische Forschungen: Kinder finden die Erzelternerzählungen tatsächlich fesselnd. Sie identifizieren sich mit den Protagonisten und verbinden deren Erfahrungen mit ihrer eigenen Familienrealität – Geschwisterstreit, Elternfavoriten, emotionale Konflikte. Das Problem verschärft sich aber im Jugendalter, wo Distanzierung gegenüber biblischen Texten wächst. Hier könnten gerade die existentiellen Themen der Erzelternerzählungen – Identität, Beziehungen, Gottvertrauen und Zweifel – anschließen. Zugleich eröffnen die intra- und interreligiösen Bezüge (Abraham/Ibrahim in Judentum, Christentum und Islam) in einer pluralen Gesellschaft neue religionspädagogische Perspektiven. Der Artikel diskutiert schließlich, wie kumulative Wissenserweiterung und migrationssensible Ansätze die didaktische Erschließung dieser klassischen Texte erneuern könnten.