Wie interagieren Zeitzeugen des Holocaust mit Schülerinnen und Schülern im Klassenzimmer? Diese Frage wird in dieser Fallstudie am Beispiel von Abba Naor erforscht, einem 1928 in Kaunas, Litauen geborenen Holocaust-Überlebenden, der seit den 1980er Jahren regelmäßig deutsche Schulklassen besucht. Die empirische Forschung zu dieser unmittelbaren Vermittlung von Zeitzeugenerinnerungen ist bislang begrenzt – eine Lücke, die angesichts des nahenden Endes der Zeitzeugengeneration zunehmend dringlich wird.
Der Autor, ein Religionspädagoge und Sprachwissenschaftler, hat Naor über drei Jahre hinweg zu seinen Schulbesuchen in Bayern begleitet und mittels teilnehmender Beobachtungen, Interviews und Transkriptionen untersucht, wie dessen Testimonium gerahmt wird und wie die Interaktion mit Schülern konkret verläuft. Dabei zeigt sich ein komplexes Bild: Während Naor sein Leben mit emotionaler Präsenz in die Klassenzimmer trägt, unterliegt sein Zeugnis – wie alle Testimonien – institutionellen Bedingungen und bewussten Selektionsprozessen. Der Überlebende selbst ist sich dieser Rahmungen durchaus bewusst und reflektiert, wie er seine Erinnerungen situativ organisiert.
Die Studie trägt zu einer wichtigen Debatte bei, die in der Geschichtsdidaktik geführt wird: Können Zeitzeugen, deren Erfahrungen von Gewalt und Verfolgung geprägt sind, authentische Geschichtsvermittlung leisten oder unterminieren sie wissenschaftlich-kritisches historisches Denken? Der Artikel zeigt, dass diese Dichotomie zu kurz greift. Stattdessen wird sichtbar, wie das unmittelbare Begegnen mit einer Person, die „dabei war", neue Lernprozesse ermöglicht – zugleich aber auch Fragen zur Quellenreflexion und historiographischen Genauigkeit aufwirft.