Der Religionsunterricht in Deutschland steht regelmäßig zur politischen Disposition. Auf der Jahrestagung der Gesellschaft für Wissenschaft und Religion (GwR) 2019 diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aller großen Bundestagsfraktionen über die Zukunft des Religionsunterrichts und das Verhältnis von Staat und Religionsgemeinschaften. Die Positionen zeigen ein differenziertes Bild: Während die CDU und die SPD die bewährte Form des konfessionellen Religionsunterrichts verteidigen und weiterentwickeln wollen, plädiert die Linke für einen säkularen Ethikunterricht für alle Schülerinnen und Schüler. Die Grünen schlagen das Hamburger Modell als flächendeckende Lösung vor. Die FDP wiederum argumentiert, dass der Staat Religionsgemeinschaften und konfessionellen Unterricht benötigt, um selbst neutral zu bleiben. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Perspektivverschiebung der CDU: Nicht nur „der Islam gehört zu Deutschland", sondern „Deutschland gehört auch zum Islam" – eine provokative These, die verdeutlicht, wie islamischer Religionsunterricht zu einer deutschen Angelegenheit wird. Die dokumentierte Diskussion offenbart, dass unter der administrativen Oberfläche längst Bewegung in den Religionsunterricht gekommen ist. Viele Grundschulen praktizieren bereits gemeinsamen Religionsunterricht, Islamunterricht wird etabliert, und Fragen nach Spiritualität, religiöser Symbolik und dem Platz von Religionen in einer pluralen Gesellschaft gewinnen an Dringlichkeit. Die Debatte zeigt: Die Form des Religionsunterrichts ist nicht Natur, sondern Ergebnis politischer Entscheidungen, die immer wieder neu zu treffen sind.