Die Autorin stellt die Frage nach der Kinderfreundlichkeit Deutschlands anhand persönlicher Erfahrungen und statistischer Belege. Sie beschreibt ein durchgehend negatives Bild: genervte Blicke von Pendlern gegenüber Müttern mit Kleinkindern, ältere Menschen, die Kinderpools für sich beanspruchen, und vor allem die Behandlung von Kindern während der COVID-19-Pandemie als bloße Infektionsrisiken statt als Zukunftsperspektive der Gesellschaft. Mit 183 Tagen Schulschließungen zwischen Januar 2020 und Mai 2021 war Deutschland – nach Polen – weltweiter Spitzenreiter, während Frankreich nur 56, Spanien 45 und Schweden 31 Tage schlossen. Eltern signalisierten unmissverständlich, dass sie Home-Schooling und Home-Office nicht gleichzeitig bewältigen konnten, während Lehrer- und Elternverbände vergeblich vor Konsequenzen warnten.
Die Folgen dieser Vernachlässigung sind gravierend. UNICEF mahnte 2022 an, dass Deutschland 30 Jahre nach Unterzeichnung der UN-Kinderrechtskonvention das Kindeswohl endlich in den Mittelpunkt stellen müsse. Während der Pandemie stiegen psychische Probleme bei Kindern sprunghaft an: Depressionen, selbstverletzendes Verhalten, Essstörungen und soziale Auffälligkeiten nahmen zu. Kinder verloren zentrale soziale Räume wie Kindertagesstätten, Schulen und Freizeitaktivitäten und hatten weniger Möglichkeiten als Erwachsene, digitale Kontaktkanäle zu nutzen. Der Psychotherapeut Bernhard Moors pointiert diesen Missstand: Eltern durften shoppen gehen, während Schulen geschlossen blieben – ein klares Zeichen des geringen gesellschaftlichen Stellenwerts von Kindern, die zudem kein Wahlrecht haben. Der IQB-Bildungsbericht 2021 dokumentiert die schulischen Folgen: Bei Viertklässlern erreichten 42 Prozent nicht die Regelstandards im Lesen, 41 Prozent beim Zuhören und 56 Prozent in Orthografie. In Mathematik verfehlten 45 Prozent die Regelstandards, 22 Prozent sogar die Mindeststandards.