Victoria Woodhull (1838–) war eine bemerkenswerte Kämpferin für Chancengleichheit und Geschlechtergerechtigkeit, deren Leben und Wirken lange Zeit in Vergessenheit geraten war. Aus armen Verhältnissen stammend, erarbeitete sie sich durch Eigeninitiative und Beharrlichkeit eine bedeutsame Position in der männerdominierten Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Sie erkannte früh, dass Frauen sich verbünden müssen, um politische und gesellschaftliche Stimme zu erlangen, und machte sich unermüdlich für marginalisierte Gruppen – Frauen, kinderreiche Familien in Armut, Sexarbeiterinnen und Kriegstraumatisierte – stark.
Woodhull setzte ihre feministischen Ideale konsequent um: Als erste weibliche Brokerin an der Wall Street ermöglichte sie Frauen wirtschaftliche Unabhängigkeit, gründete mit ihrer Schwester die Zeitschrift „Woodhull and Claflin's Weekly" und wurde so zu einer einflussreichen Journalistin und Aktivistin. Ihr Engagement für die „Freie Liebe" manifestierte sich in radikalen Forderungen wie der Legalisierung von Abtreibung und der Neugestaltung des Ehegesetzes – Themen, die auch 150 Jahre später noch von grundlegender Bedeutung sind. Als Kandidatin der Equal Rights Party bei der Präsidentschaftswahl 1872 agierte sie provokativ, um das patriarchale System zu irritieren und zum Wandel zu bewegen.
Woodhull lebte ihre Überzeugung authentisch: Sie lehrte nicht nur Feminismus, sondern verkörperte ihn durch ihre eigene Vita. In ihrer zweiten Lebenshälfte auf einem englischen Landsitz gründete sie eine Landwirtschaftsschule für Frauen und bot Vorträge zu Feminismus, Psychologie und Soziologie an. Ihr Motto „individuell zu leben und kollektiv zu kämpfen" fasst ihre Lebensphilosophie zusammen und bietet bis heute Ansätze für systemischen Wandel – auch in der zeitgenössischen (katholischen) Kirche.