Der Synodale Weg stellt nach Rainer Bucher einen Prozess dar, der fundamentale Dissonanzen zwischen der römisch-katholischen Kirche und den Plausibilitäten eines Lebens in freiheitlichen Demokratien zu überwinden sucht. Diese Dissonanzen zeigen sich besonders in kirchlichen Positionen zur Frauenordination und Homosexualität – Identitätsmarkern, die dem kirchlichen Anspruch, „Zeichen und Werkzeug der Liebe Gottes" zu sein, fundamental widersprechen. Skandale rund um Missbrauch und Sexualmoral verschärfen diese Glaubwürdigkeitskrise zusätzlich und führen zu einem kontinuierlichen Loyalitätsverlust gerade unter jenen Gläubigen, die ihrem christlichen Gewissen treu bleiben möchten. Institutionelle Reformen entstehen typischerweise erst unter existenzieller Bedrängnis – eine Situation, die für die deutsche Kirche gegenwärtig vorliegt.
Das Neuartige des Synodalen Weges liegt darin, dass die Reformdebatte erstmals ins Innere der Bischofskonferenz selbst verlegt wird, statt peripherer zu bleiben. Die vier zentralen Themen (priesterliche Existenz, Sexualmoral, Gewaltenteilung, Geschlechtergerechtigkeit) sind wissenschaftlich-theologisch längst geklärt, stellen aber kirchenpolitisch umstrittene Machtfragen dar. Das Setting schafft durch die „Eingebettete Bischofskonferenz" einen bis dahin öffentlich unmöglichen Diskursraum für Bischöfe, in dem die Konfrontationslinie innerhalb ihrer eigenen Reihen sichtbar wird.
Bucher betont: Unabhängig vom unsicheren kirchenrechtlichen Status ist die zentrale Bedeutung des Synodalen Weges sozialer Natur – die Veröffentlichung innerkatholischer Positionen und Frontlinien schreibt sich ins kollektive Gedächtnis ein und „vergisst sich nicht". Der Prozess stellt das erste gelungene Zusammenspiel von Hierarchie, theologischen Disziplinen und Gemeindebasis seit der Würzburger Synode dar.