Der Artikel beleuchtet die tiefe strukturelle und geistliche Parallele zwischen dem Zweiten Vatikanischen Konzil und der Bewegung von 1968. Beide Ereignisse werden nicht primär als Erfolgsgeschichten ihrer unmittelbaren Ergebnisse verstanden, sondern als Mythen, deren Wahrheit in ihrer revolutionären Erwartungshaltung liegt. Der niederländische Theologe Ton Veerkamp wird zitiert, um zu verdeutlichen, dass diese Mythen ihre Kraft aus dem Unvollendeten, Unabgegoltenen beziehen und dadurch ständig ein Potential zur Wiederholung in sich tragen. Das Konzil wird als Moment des Kontrollverlustes gerahmt – exemplarisch durch die Episode des 87-jährigen Kardinals Liénard, der die Kurie-Ordnung missachtete und damit die Eigendynamik des Konzils in Gang setzte.
Der Text zeigt, wie dieser Konzilsgeist sich nach 1968 in zwei divergierende Richtungen aufspaltete: Während die einen den Geist des Konzils weitertrugen und ihn mit den Bewegungen der Befreiung verschmolzen – insbesondere in Lateinamerika durch die Befreiungstheologie und die Konferenz von Medellín –, versuchten andere, die Konzilstexte durch traditionelle Interpretationen zu domestizieren. Diese Spannung zwischen Geist und Buchstabe wird als innere Notwendigkeit des kirchlichen Konflikts in der Moderne diagnostiziert, nicht als überwindbar, sondern als permanente Herausforderung.