Der Artikel erörtert Biografisches Lernen als religionspädagogisches Konzept, das Schülerinnen und Schüler dabei unterstützt, ihre Lebenswege reflektierend und aus Glaubensperspektive zu betrachten. Die biblischen Texte, Heiligentraditionen und kirchengeschichtliche Beispiele dienen dabei als wichtige Lernquellen. Historisch wird die Entwicklung vom mittelalterlichen Heiligenkult über die kritische Phase nach 1968 bis zur Etablierung von Albert Banduras Modelllerntheorie nachgezeichnet. Ein paradigmatischer Wechsel fand statt: weg vom behavioristischen Nachahmungslernen hin zu einer schülerzentrierten Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie. Seit 2000 lässt sich eine Renaissance des Vorbildgedankens unter den Vorzeichen eines gereinigten Vorbild-Begriffs beobachten. Zentrale Theoretiker wie Peter Biehl betonen die dialektische Spannung zwischen Lebensgeschichte und christlichem Glauben sowie die Notwendigkeit, theologische Sachverhalte in ihren ursprünglichen Erschließungssituationen zu erfassen. Religiöses Lernen vollzieht sich faktisch immer durch Imitation und Identifikation, weshalb Vorbilder für den Religionsunterricht unverzichtbar sind. Gelebte christliche Existenz wird in konkreten Vorbildern greifbar und nachvollziehbar. Die moderne religionspädagogische Konzeption berücksichtigt die Individualität und Pluralität von Lebensbiografien in der heutigen Gesellschaft. Biografisches Lernen wird als freiheitsverbürgendes Lernen verstanden, das menschliche Autonomie wahrt und Schülerinnen und Schüler zur Selbstakzeptanz und Handlungsfähigkeit befähigt. Es verfolgt zugleich eine kognitiv-aufklärerische, affektiv-integrierende und pragmatisch-handlungsleitende Funktion.