Der Artikel von Lutz E. von Padberg untersucht die Christianisierung der Germanen als mehrhundertjähriger, differenzierter historischer Prozess, der die geistige Einheit Europas fundamental prägte. Die Christianisierung wird nicht als einheitlicher Prozess verstanden, sondern als komplexes Geschehen, das auf unterschiedliche regionale und zeitliche Voraussetzungen reagierte und die Kirche selbst wandelte. Der Autor unterscheidet begrifflich zwischen Mission als Erstbegegnung von Christen und Heiden und Christianisierung als nachhaltiger Verankerung des Glaubens über die Institution Kirche im Denken und Handeln. Die geographische und chronologische Spannbreite reicht von der Christianisierung der Franken im Anschluss an die spätrömische Kirchenorganisation über die angelsächsische und kontinentale Mission des 7./8. Jahrhunderts bis zur skandinavischen und slawischen Christianisierung im Hoch- und Spätmittelalter. Mission basierte theologisch auf dem Missionsbefehl und dem Absolutheitsanspruch des Christentums, was einen radikalen Bruch mit bestehenden Kulturen verlangte. Die Missionäre verfolgten dabei keine dialogische Strategie mit anderen Religionen, sondern zielten auf Entpaganisierung, Glaubensbekenntnis, Taufe und Eingliederung in die Kirche ab. Ein charakteristisches Merkmal war die Anknüpfung an die politische Machtelite, wodurch kollektive Taufen überwogen und zur Bildung partikularer Landeskirchen führten. Die Doppelbindung der Missionare an päpstliche Autorität und weltliche Herrscher sicherte trotz Landeskirchlichkeit ein gesamtkirchliches Bewusstsein. Die mangelnde religiöse Unterweisung und der politische Druck machten einen langwierigen Christianisierungsprozess notwendig, in dem das Christentum zunächst als kultisches System mit neuen Regeln wahrgenommen wurde. Insgesamt ermöglichte die Christianisierung den skandinavischen und slawischen Raum die Integration in die europäische Entwicklung und etablierte den christlichen Glauben als kulturell einigenden Kontinuitätsfaktor Europas.