Der Artikel behandelt das systematisch-theologische und religionspädagogische Problem des Verhältnisses zwischen Gesetz und Evangelium, das heute neu unter Berücksichtigung der christlich-jüdischen Verhältnisbestimmung diskutiert werden muss. Die Verfasser kritisieren die verbreitete negative Konnotation von Gesetz und die Reduktion des Judentums auf Legalismus, die in Unterrichtsmaterialien oft zu finden ist. Sie zeigen, dass Tora primär nicht 'Gesetz' im westlichen Sinne bedeutet, sondern 'Weisung' und 'Wegweisung zum Leben', wobei der rabbinische Begriff Halacha ('das Gehen') ein dynamisches Verständnis ausdrückt. Die Mitzwot (Gebote) sind in dieser Tradition Erinnerungshandlungen, die die Gottesnähe im alltäglichen Leben ausdrücken, nicht unterjochende Legalität. Die heilsgeschichtliche Struktur der Tora zeigt, dass Gottes Verheißung und Heilstat im Exodus vorausgehen und die Gebote folgen, also das Heil dem Gesetz vorangeht. Das Neue Testament steht in Kontinuität mit dieser jüdischen Tradition: Jesus wird in allen Evangelien als Tora-treu dargestellt, der die Tora nicht aufhob, sondern erfüllte und theologisch reinterpretierte. Die 'New Perspectives on Paul' zeigen, dass Paulus als Jude verstanden werden muss, der das Gesetz nicht verachtete, sondern zwischen Ritual- und Moralgeboten unterschied. Paulus trat für ein beschneidungsfreies, nicht aber gesetzesfreies Evangelium ein, wodurch das Verhältnis von Gesetz und Evangelium nicht als Gegensatz, sondern als differenzierte Kontinuität erscheint. Die richtige Bestimmung dieses Verhältnisses ist fundamental für authentische religiöse Bildung und christlich-jüdische Lernprozesse.