Der Artikel von Carsten Gennerich analysiert die Karriere des Milieubegriffs in kirchlichen Kontexten und seinen theoretischen Ursprüngen. Der Fokus liegt auf Bernt Spiegels innovativem psychologischem Marktmodell von 1961, das Personen in zweidimensionalen Felddiagrammen visualisiert und damit eine methodische Grundlage für später entwickelte Milieuansätze schuf. Spiegel entwickelt sein Modell durch mehrere konzeptionelle Schritte: Er ordnet Personen nach relevanten Feldpolaritäten an, positioniert Meinungsgegenstände (etwa religiöse Interpretationen) im Feld und führt das Konzept des Aufforderungswertes ein, das die Attraktivität von Angeboten unabhängig von inhaltlicher Nähe erfasst. Das Modell impliziert verschiedene Interventionsmöglichkeiten: Information, Verschiebung von Personen, Diversifikation von Angeboten und Erhöhung des Aufforderungswertes. Während Spiegels theoretisches Modell zu seiner Zeit kaum empirisch umsetzbar war, nutzte das Sinus-Institut ab den 1970er Jahren computergestützte multivariate Verfahren, um narrative Interviews systematisch auszuwerten und konkrete Milieus zu identifizieren. Das Sinus-Modell wurde durch seine intuitiven "Kartoffelgraphiken" in der kirchlichen Praxis populär, obwohl zwischen dem theoretischen Anspruch und der visuellen Darstellung ein gewisser Abstand besteht. Der Artikel verdeutlicht, wie aus akademischer Theorieentwicklung eine praktisch orientierte Marktforschungsmethode entstand, die heute im kirchlichen Raum maßgeblich für Zielgruppenorientierung ist.