Der Artikel analysiert die bibeldidaktische Vermittlung der paulinischen Rechtfertigungslehre in der Sekundarstufe und verdeutlicht dabei ein zentrales Spannungsfeld zwischen exegetischer Forschung und unterrichtspraktischer Umsetzung. Während die "New Perspective on Paul" die traditionelle lutherische Interpretation grundlegend hinterfragt, fehlt deren konsequente Berücksichtigung in religionspädagogischen Konzepten noch weitgehend. Woyke identifiziert drei Hauptprobleme: Erstens erschwert die semantische Komplexität paulinischer Schlüsselbegriffe wie "Gerechtigkeit" und "Rechtfertigung" das Verständnis, da diese im alltäglichen und theologischen Sprachgebrauch unterschiedlich konnotiert sind. Zweitens stellt die Entwicklungspsychologie Jugendlicher ein Hindernis dar, da diese typischerweise Eigenverantwortung und Autonomie betonen, während das Konzept der passiven, fremden Gerechtigkeit ihrem Entwicklungsstand widerspricht. Drittens mangelt es heutigen Schülern an unmittelbarem Zugang zu den historischen Kontexten paulinischer Theologie und ihrer Wiederentdeckung durch Luther. Als Lösungsansatz wird die Elementarisierung auf der Grundlage jugendlicher Lebensrealität vorgeschlagen, wobei zwei unterschiedliche didaktische Zugänge unterschieden werden: Die lutherische Tradition knüpft an die anthropologische Ebene der Identitätsfindung mit Aspekten von Bestätigung und Anerkennung an, während die "Neue Paulusperspektive" die soziologische Dimension von Gruppenzugehörigkeit und Ausgrenzung betont. Die konkretisierten Fragen richten sich auf fundamentale existenzielle Anliegen Jugendlicher: das Recht zu sein, sich selbst zu sein und dazuzugehören. Der Artikel integriert psychologische und theologische Perspektiven, um zu zeigen, wie die Rechtfertigungslehre eine heilsame "Perspektivenverschiebung" in der jugendlichen Selbstdeutung bewirken kann, indem sie vermittelt, dass das Leben sich nicht nur dem eigenen Handeln und Leisten verdankt.