Pilgern und Wallfahrten sind zeitgenössische Ausdrucksformen der Religion, die auf die Sehnsucht nach Selbst-, Transzendenz- und Gemeinschaftserfahrung in der Spätmoderne antworten. Der Artikel unterscheidet zwischen Wallfahrten als kirchlich-institutionell organisierten Großveranstaltungen mit Tradition und Wiederholungsfunktion sowie Pilgern als individuellen, prozessorientierten Reisen zu Fuß oder per Fahrrad, wobei der Weg selbst von zentraler Bedeutung ist. Beide Formate werden als religiöse Lernorte analysiert, wobei auch die Zielgruppe der Ehrenamtlichen und Gastgeber beachtliche Dimensionen erreicht. Auf der Mikroebene zeigen sich unterschiedliche Adressatengruppen: Pilgernde sind eher jung, konfessionsunabhängig und motiviert durch Selbstfindung, während Wallfahrer älter sind und bereits kirchlich gebunden. Auf der Mesoebene offenbaren sich ambivalente Tendenzen: Pilgern boomt und zieht auch kirchenferne Personen an, klassische Wallfahrten stagnieren jedoch aufgrund ungünstiger Altersstrukturen. Die Makroebene zeigt hohe gesellschaftliche Reputation des Pilgerns durch Medienberichterstattung und digitale Kommunikation, führt aber nicht zu neuer Kirchenbindung. Der Artikel erkennt in dieser Konstellation sowohl eine Herausforderung als auch eine pastorale Chance für die christlichen Kirchen, diese Phänomene als diakonisch-missionarische Begegnungs- und Lernorte angemessen wahrzunehmen und zu begleiten.