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Verlag Katholisches Bibelwerk GmbH

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Ringen mit und um Rahab

Bibelarbeit zu Rahab (Jos 2,1-24;6,17.22-25)

Veröffentlichung:1.1.2019

Der Fachartikel wurde unter dem Titel: „Ringen mit und um Rahab. Bibelarbeit zu Rahab (Jos 2,1 bis 24; 6,17.22 bis 25)“ verfasst und umfasst 7 Seiten. Viola Raheb untersucht die biblische Erzählung von Rahab bewusst aus unterschiedlichen Perspektiven. Als Palästinenserin liest sie die Geschichte nicht selbstverständlich aus der Sicht der Israeliten, sondern bezieht besonders die Menschen in Jericho und Rahab selbst ein. Dadurch erscheint Rahab gleichzeitig als mutige Retterin ihrer Familie, als Glaubende und als Verräterin an ihrer eigenen Gemeinschaft.

Der Fachartikel behandelt zentrale theologische Probleme wie Gewalt und Krieg im Namen Gottes, die gewaltsame Landnahme, das Verhältnis von Glaube und Moral, Verrat und Rettung sowie die Frage nach einem problematischen Gottesbild, wenn die Vernichtung einer Bevölkerung als von Gott unterstützt erzählt wird. Weitere Probleme sind die Bewertung von Fremden, die patriarchale Darstellung von Frauen, die Verbindung von Geschlecht, Macht und Sexualität sowie die grundsätzliche Frage, wie der eigene gesellschaftliche und politische Lebenskontext die Auslegung biblischer Texte beeinflusst. Besonders wichtig ist die Frage, ob das Überleben Rahabs und ihrer Familie die Vernichtung der übrigen Bevölkerung Jerichos rechtfertigen kann.

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Viola Raheb beginnt mit der grundsätzlichen Feststellung, dass Menschen biblische Texte immer vor dem Hintergrund ihrer eigenen Lebenserfahrungen lesen. Dies gilt nicht nur für persönliche Bibellektüre, sondern auch für wissenschaftliche Exegese. Unterschiedliche Lebenskontexte können deshalb zu unterschiedlichen Auslegungen desselben Textes führen. Raheb verdeutlicht dies anhand ihrer eigenen Biografie. Als Palästinenserin besitzt sie einen besonderen Zugang zur Erzählung von Rahab und der Eroberung Jerichos. Jericho ist für sie kein weit entfernter biblischer Ort, sondern Teil ihrer Heimat. Deshalb identifiziert sie sich eher mit den Menschen innerhalb der Stadtmauern als mit den Israeliten, die von außen kommen. Hinzu kommt ihre Erfahrung als Palästinenserin, die unter Besatzung aufgewachsen ist. Begriffe wie Spione, Informanten und Verräter besitzen für sie deshalb eine besondere politische Bedeutung.

Die Geschichte Rahabs steht am Anfang des Buches Josua und gehört zum Erzählzusammenhang der sogenannten Landnahme. Nach der Wüstenwanderung soll Israel unter Josuas Führung in das verheißene Land einziehen. Der Artikel betont allerdings, dass die im Buch Josua dargestellte kriegerische Eroberung Kanaans nicht als historischer Bericht verstanden werden kann. Archäologische Hinweise auf eine solche kriegerische Landnahme fehlen. Innerhalb der biblischen Erzählung schickt Josua zwei Kundschafter nach Jericho. Dort treffen sie auf die Kanaaniterin Rahab. Sie nimmt die beiden Männer auf, versteckt sie vor den eigenen Leuten und ermöglicht ihnen die Flucht. Im Gegenzug erreicht sie, dass sie selbst und ihre Familie bei der späteren Zerstörung Jerichos verschont werden. Ihr Handeln bedeutet damit Rettung für ihre Familie, zugleich aber Verrat an der Bevölkerung ihrer eigenen Stadt.

Traditionelle Auslegungen betrachten Rahab überwiegend aus der Perspektive Israels. Aus dieser Sicht erscheint sie als Heldin und als Frau mit einem außergewöhnlich starken Glauben an den Gott Israels. Diese positive Beurteilung findet sich auch im Neuen Testament. Im Hebräerbrief wird Rahab wegen ihres Glaubens gewürdigt und im Matthäusevangelium gehört sie sogar zum Stammbaum Jesu. Auch feministische Auslegungen haben Rahab häufig positiv bewertet. Sie kritisieren zwar ihre Kennzeichnung als Prostituierte und untersuchen den patriarchalen Hintergrund der Erzählung, sehen in ihr aber teilweise eine mutige Grenzgängerin. Raheb stellt die Frage, ob diese positive Bewertung ausreicht.

Rahab erhält im biblischen Text ungewöhnlich viele Informationen und besitzt im Gegensatz zu vielen anderen biblischen Frauen einen Namen. Sie ist Kanaaniterin, lebt an der Stadtmauer und wird als Prostituierte bezeichnet. Diese Angaben kennzeichnen sie von Anfang an als gesellschaftliche Außenseiterin. Gleichzeitig ist sie offenbar eine bekannte Person. Die israelitischen Kundschafter gehen unmittelbar zu ihr und auch der König von Jericho weiß, wo sie zu finden ist. Der Artikel macht darauf aufmerksam, dass die Bezeichnung als Prostituierte leicht den Blick auf ihre weiteren Fähigkeiten verstellt.

Raheb arbeitet deshalb verschiedene Kompetenzen Rahabs heraus. Zunächst besitzt sie diplomatisches Geschick. Als die Männer des Königs nach den israelitischen Kundschaftern suchen, gibt Rahab zu, dass die Männer bei ihr gewesen seien, verschweigt jedoch, dass sie diese versteckt hat. Sie täuscht die Gesandten des Königs und schickt sie in eine falsche Richtung. Gleichzeitig versteckt sie die Kundschafter auf ihrem Dach. Damit gelingt es ihr, sowohl gegenüber den Israeliten als auch gegenüber den Vertretern ihrer eigenen Stadt strategisch zu handeln.

Eine weitere wichtige Eigenschaft ist Rahabs theologisches und prophetisches Wissen. Sie erklärt den Kundschaftern, dass Jahwe den Israeliten das Land geben werde, und bekennt Jahwe als Gott im Himmel und auf der Erde. Dadurch wird sie innerhalb der israelitischen Perspektive zu einer Glaubenden. Zugleich informiert sie die Kundschafter darüber, dass die Bevölkerung Jerichos große Angst vor den Israeliten hat. Ihre Aussagen haben deshalb neben der theologischen auch eine politische und militärische Funktion. Sie stärken die Israeliten in der Überzeugung, dass eine Eroberung Jerichos möglich ist.

Rahab verfügt außerdem über strategisches Können. Sie kennt die Umgebung und erklärt den Kundschaftern, wo sie sich verstecken und wie lange sie dort bleiben sollen. Dadurch können die Männer ihren Verfolgern entkommen. Zugleich beweist Rahab Verhandlungsgeschick. Als Gegenleistung für ihre Unterstützung verlangt sie einen Schwur, dass nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Eltern, Geschwister und weiteren Angehörigen bei der Eroberung verschont werden. Die Vereinbarung wird später eingehalten. Während Jericho zerstört wird und seine Bevölkerung stirbt, werden Rahab und ihre Familie gerettet und anschließend in die Gemeinschaft Israels aufgenommen.

Genau an diesem Punkt beginnt für Raheb das zentrale theologische Problem. Aus der Perspektive Rahabs und Israels erscheint die Geschichte als Rettungsgeschichte. Aus der Perspektive der Bevölkerung Jerichos sieht sie völlig anders aus. Rahab rettet ihre Familie, trägt mit ihrem Verhalten aber zugleich zum Erfolg der Angreifer bei. Der Artikel stellt deshalb die schwierige Frage, ob die Rettung einer einzelnen Familie die Zerstörung einer ganzen Stadt und den Tod ihrer Bevölkerung rechtfertigen kann. Eine ausschließlich auf Rahab als Einzelperson konzentrierte Auslegung droht das Schicksal ihrer Gemeinschaft auszublenden.

Rahab wird dadurch zu einer ambivalenten Figur. Für die Israeliten ist sie eine Heldin, Informantin, Verbündete und Bekennerin Jahwes. Für die Menschen Jerichos kann sie dagegen als Verräterin erscheinen. Kontextuelle Theologien aus dem globalen Süden haben ihr Verhalten deshalb teilweise wesentlich kritischer beurteilt. Der Artikel möchte diese beiden Sichtweisen nicht einfach gegeneinander auflösen. Gerade die Spannung zwischen ihnen ist für die Auslegung wichtig.

Eine weitere theologische Schwierigkeit entsteht dadurch, dass Rahabs Lüge und ihr Verrat innerhalb der Erzählung positiv bewertet werden können, weil sie mit ihrem Glauben an Jahwe verbunden werden. Dadurch entsteht nach Raheb ein ambivalentes Gottesbild. Hinzu kommt, dass das Buch Josua keine wirkliche Alternative zur Gewalt entwickelt. Rahab und ihre Familie können nur überleben, indem sie sich der neuen Macht unterordnen. Die Erzählung stellt somit die Frage nach dem Verhältnis von Gott, Gewalt, Eroberung und menschlicher Moral.

Raheb fragt deshalb ausdrücklich, warum ein solcher Text heute überhaupt noch gelesen werden sollte. Ihre Antwort besteht nicht darin, die problematischen Aspekte der Geschichte zu beseitigen. Vielmehr soll die Auseinandersetzung mit ihnen dazu führen, selbst Position zur Gewalt zu beziehen. Auch wissenschaftliche Bibelauslegung muss kritisch prüfen, ob sie sich nicht unbewusst auf die Seite der Sieger stellt. Problematisch wäre insbesondere ein Frauenbild, nach dem eine gute Frau die eigene Gemeinschaft verlässt, den Gott der Sieger übernimmt und sich der neuen Macht unterordnet. Damit verbindet Raheb die Gewaltproblematik mit einer Kritik patriarchaler Vorstellungen.

Am Ende entwickelt der Artikel eine mögliche Bedeutung der Geschichte für die Gegenwart. Rahabs Ambivalenz kann zeigen, wie eingeschränkt menschliche Handlungsmöglichkeiten werden, wenn Krieg und Gewalt bereits die Situation bestimmen. Rahab möchte sich und ihre Familie retten, kann dabei aber nicht unschuldig bleiben. Sie besitzt als Frau und gesellschaftliche Außenseiterin nur einen begrenzten Handlungsspielraum. Die Geschichte kann deshalb dazu anregen, über das Zusammenspiel von Krieg, Gewalt, Sexualität, Geschlecht und Macht nachzudenken und nach friedlichen Alternativen zu suchen.

Für den Religionsunterricht bietet der Artikel einen besonders geeigneten Zugang über Perspektivwechsel. Lernende können Rahab zunächst aus der Sicht Israels und anschließend aus der Sicht der Bevölkerung Jerichos betrachten. Zusätzlich kann die Perspektive Rahabs selbst eingenommen werden. Dadurch wird sichtbar, dass dieselbe Person je nach Standpunkt als Heldin oder Verräterin erscheinen kann. Lernende können außerdem diskutieren, welche anderen Handlungsmöglichkeiten Rahab gehabt hätte und ob sich für ihre Situation überhaupt eine gewaltfreie Friedensstrategie entwickeln lässt. Auf diese Weise ermöglicht der Text eine kritische Auseinandersetzung mit Bibelauslegung, Gewalt, Frieden, Geschlechterrollen, Fremdheit, Zugehörigkeit und der Bedeutung der eigenen Perspektive beim Lesen biblischer Texte.

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