Der Artikel setzt sich kritisch mit der gängigen Praxis im Religionsunterricht auseinander, biblische Geschichten vor allem über ihre Anschlussfähigkeit an die Lebenswelt der Lernenden zu erschließen. Zwar wird dies als sinnvoll anerkannt, da es die Aktualität biblischer Texte sichtbar macht, doch bleibt häufig die eigentliche theologische Aussage der Texte unberücksichtigt. Der Unterricht beschränkt sich oft darauf, Parallelen zwischen biblischen Erfahrungen und heutigen Lebenssituationen herzustellen, ohne die tieferliegenden theologischen Fragen zu klären.
Dies führt dazu, dass biblische Erzählungen für Lernende wie reine Geschichten erscheinen, deren Wahrheitsanspruch unklar bleibt. Gott und Jesus werden dann als Figuren innerhalb einer Erzählwelt wahrgenommen, vergleichbar mit literarischen Gestalten, ohne erkennbaren Bezug zur Realität. Um diesem Problem zu begegnen, schlägt die Autorin vor, verstärkt sogenannte Fragen hinter den Texten in den Unterricht einzubeziehen. Diese Fragen thematisieren die Voraussetzungen und Hintergründe biblischer Aussagen, etwa wie Menschen überhaupt auf die Idee von Gott kommen, wie Gott erfahrbar sein kann oder welche existenziellen Fragen hinter religiösen Vorstellungen stehen.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der Christologie. Die Frage nach Jesus als dem Christus stellt sich Lernenden nicht von selbst und wird im Unterricht häufig vermieden oder verkürzt dargestellt. Stattdessen konzentrieren sich viele Unterrichtsmaterialien auf historische und ethische Aspekte des Lebens Jesu. Dadurch bleibt die zentrale theologische Bedeutung Jesu unklar. Es wird nicht ausreichend beantwortet, warum Jesus für den Glauben eine besondere Rolle spielt und warum er mehr ist als eine historische Persönlichkeit.
Die Autorin zeigt, dass Lernende durchaus Interesse an diesen Fragen haben, ihre eigenen Deutungen jedoch ohne theologische Begleitung oft unzureichend oder problematisch bleiben können. Beispielhaft wird ein kindliches Deutungsmuster dargestellt, das zu einem verzerrten Gottesbild führt. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit, Lernende stärker theologisch anzuleiten und ihnen geeignete Denkmodelle anzubieten.
Als Lösung wird vorgeschlagen, systematisch theologische Konzepte in vereinfachter Form in den Unterricht einzubringen. Unterschiedliche christologische Deutungen aus der Tradition können helfen, die Fragen und Antworten des Glaubens verständlich zu machen. Dabei sollen nicht nur einheitliche Darstellungen vermittelt werden, sondern auch unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden.
Ziel ist ein Religionsunterricht, der sowohl an die Lebenswelt der Lernenden anknüpft als auch eine eigenständige theologische Reflexion ermöglicht. Ausgangspunkt können persönliche Erfahrungen und Fragen sein, die in einem zweiten Schritt mit den theologischen Aussagen der biblischen Texte in Beziehung gesetzt werden. Auf diese Weise entsteht ein Unterricht, der sowohl subjektorientiert als auch theologisch fundiert ist und den Lernenden hilft, eigene begründete Positionen zu entwickeln.