Für den Unterricht bietet der Film zahlreiche Anknüpfungspunkte. Schülerinnen und Schüler lernen zunächst, dass Sinti und Roma mit rund 12 Millionen Angehörigen die größte Minderheit Europas bilden und seit über 600 Jahren Teil der deutschen Geschichte sind. Wichtig ist dabei, Unwissenheit nicht vorschnell als Vorurteil zu deuten, sondern als Ausgangspunkt für Information und Reflexion. Für den Einstieg eignet sich die Kopiervorlage „Sinti und Roma: Wissenswertes“, die grundlegende Informationen bietet und die Lernenden anregt, Neues, Überraschendes und offene Fragen zu notieren. Diese Fragen können als Beobachtungskriterien beim Filmschauen genutzt werden.
Didaktisch lässt sich der Film in Sequenzen gliedern: Leons Erzählung über sein Coming-out und seine Identität als Rom, Julischkas Erfahrungen von Diskriminierung im Bildungsbereich, historische Darstellungen des Antiziganismus und schließlich Beispiele für Emanzipation und Widerstand nach 1945. Einzelne Szenen wie Leons Monolog zu Beginn oder das Schlusswort eignen sich besonders, um Identität und Selbstwahrnehmung ins Gespräch zu bringen. Zur Vertiefung können Kopiervorlagen wie „Ausgrenzung und Verfolgung“ oder „Vorurteile, Klischees, Vorverurteilungen“ eingesetzt werden. Ein Selbstzeugnis wie das von Ceija Stojka erweitert die historische Perspektive und macht die Erfahrungen der Überlebenden des Holocaust erfahrbar.
Die Unterrichtsarbeit mit dem Film hat mehrere Ziele: Einerseits vermittelt sie Wissen über die Geschichte und Gegenwart von Sinti und Roma, andererseits sensibilisiert sie für die Mechanismen von Vorurteilen und Diskriminierung. Die Reflexion unterstützt die Lernenden darin, eigene Einstellungen zu hinterfragen und für die Rechte von Minderheiten einzutreten. Ergänzend können weitere Medien wie die ARD-alpha-Dokumentation „Antiziganismus – Was haben wir gegen Sinti und Roma?“ oder der Film „Einfach ein Mensch. Sinti und Roma in Württemberg“ herangezogen werden.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen auch die mit Sinti und Roma verbundenen Gedenktage wie der 8. April (Tag der Roma-Kultur), der 2. August (Erinnerung an die Liquidierung des „Zigeunerfamilienlagers“ in Auschwitz-Birkenau 1944) oder der 5. November (Welttag der Romanes-Sprache). Sie bieten konkrete Anknüpfungspunkte für Unterricht und Schulkultur und leisten einen Beitrag gegen das Vergessen.
Damit verbindet der Film die biografischen Erfahrungen junger Sinti und Roma mit der langen Geschichte ihrer Diskriminierung und Verfolgung. In der Unterrichtspraxis ermöglicht er sowohl empathisches Lernen durch Begegnung mit den Protagonisten als auch kritisches Lernen durch die Auseinandersetzung mit Vorurteilen, Antiziganismus und Erinnerungskultur.
Das Video eignet sich für den Religionsunterricht der Sekundarstufe I und II in den Themenfeldern Menschenwürde, Vielfalt, Rassismus, Erinnerungskultur, Nationalsozialismus, Menschenrechte, Identität sowie Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft. Es verbindet historische Bildung mit gegenwartsbezogenem Lernen und eröffnet den Lernenden die Möglichkeit, eine häufig wenig bekannte Minderheit kennenzulernen. Besonders wertvoll ist, dass Angehörige der Minderheit selbst ihre Geschichte erzählen und dadurch authentische Einblicke in ihre Lebenswirklichkeit ermöglichen.
Als Einstieg kann die Frage gestellt werden, welche Kenntnisse die Lernenden bereits über Sinti und Roma besitzen. Anschließend sammeln sie Begriffe oder Vorstellungen, die sie mit dieser Minderheit verbinden. Diese erste Sammlung wird nach dem Ansehen des Videos erneut betrachtet und gemeinsam überprüft. Dadurch werden Vorwissen, Missverständnisse und neue Erkenntnisse sichtbar.
Während des Sehens bietet sich ein Beobachtungsauftrag an. Die Lernenden notieren Informationen zur Geschichte der Sinti und Roma, Beispiele für Vorurteile und Diskriminierung sowie Aussagen darüber, welche Wünsche die interviewten Personen für die Zukunft äußern. Anschließend werden die Ergebnisse in Gruppen verglichen und geordnet.
Eine weitere Unterrichtsphase kann sich mit der Geschichte des Antiziganismus beschäftigen. Die Lernenden erstellen eine Zeitleiste von der Einwanderung der Vorfahren aus Nordwestindien über die jahrhundertelange Ausgrenzung bis zum nationalsozialistischen Völkermord und den heutigen Bemühungen um Anerkennung und Gleichberechtigung. Dadurch erkennen sie historische Kontinuitäten und deren Auswirkungen bis in die Gegenwart.
Im Religionsunterricht bietet sich eine Verknüpfung mit biblischen Themen wie Menschenwürde, Gerechtigkeit, Nächstenliebe und der Gleichwertigkeit aller Menschen an. Die Lernenden können biblische Texte zur Achtung jedes Menschen mit den Erfahrungen der im Video vorgestellten Personen vergleichen und überlegen, welche Konsequenzen sich daraus für das eigene Handeln ergeben.
Methodisch eignet sich das Video für Gruppenarbeit, Partnergespräche, eine Podiumsdiskussion oder einen Perspektivwechsel. Die Lernenden können beispielsweise einen Brief an eine der vorgestellten Personen schreiben, einen Tagebucheintrag verfassen oder Ideen entwickeln, wie Vorurteile im schulischen Alltag abgebaut werden können. Ebenso können sie die im Begleitmaterial vorgeschlagenen Beobachtungsfragen nutzen und eigene Fragen formulieren, die während oder nach dem Film beantwortet werden. Das Video fördert historische Kompetenz, Empathie, Urteilskompetenz, Medienkompetenz sowie die Bereitschaft, Verantwortung für ein respektvolles und diskriminierungsfreies Zusammenleben zu übernehmen.
Fragestellungen zum Video mit Antworten
1. Warum trägt das Video den Titel „Wir sind hier“?
Der Titel macht deutlich, dass Sinti und Roma selbst zu Wort kommen, seit Jahrhunderten in Deutschland leben und als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft wahrgenommen werden möchten.
2. Wer sind Sinti und Roma?
Sinti und Roma sind eine anerkannte Minderheit in Deutschland und zugleich die größte Minderheit Europas. Sie verfügen über eine eigene Sprache, Kultur und Geschichte.
3. Was bedeutet Antiziganismus?
Antiziganismus bezeichnet Vorurteile, Ausgrenzung, Diskriminierung und rassistische Feindseligkeit gegenüber Sinti und Roma. Diese Form des Rassismus besteht bis heute fort.
4. Welche Rolle spielt die Geschichte für das Verständnis der Gegenwart?
Das Video zeigt, dass viele heutige Vorurteile historische Wurzeln haben. Die Kenntnis dieser Geschichte hilft dabei, Diskriminierung besser zu verstehen und ihr entgegenzutreten.
5. Warum ist Wissen über Sinti und Roma wichtig?
Unwissenheit begünstigt Vorurteile. Das Video macht deutlich, dass Information und persönliche Begegnung wichtige Voraussetzungen für Respekt und gegenseitiges Verständnis sind.
6. Welche Bedeutung hat das Thema für den Religionsunterricht?
Es regt dazu an, über Menschenwürde, Nächstenliebe, Gerechtigkeit und Verantwortung nachzudenken und diese Werte auf das eigene Handeln im Alltag zu übertragen.
7. Wie können Lernende Vorurteile abbauen?
Indem sie sich informieren, Menschen offen begegnen, diskriminierende Aussagen hinterfragen und sich für ein respektvolles Miteinander einsetzen.
8. Welche Kompetenzen erwerben Lernende durch die Arbeit mit dem Video?
Sie erweitern ihr historisches Wissen, entwickeln Empathie, stärken ihre Urteilskompetenz, reflektieren gesellschaftliche Verantwortung und lernen, Formen von Diskriminierung zu erkennen und ihnen entgegenzutreten.