Das Medium eignet sich für den Religionsunterricht der Jahrgangsstufe 10 insbesondere im Zusammenhang mit Unterrichtseinheiten zum Menschenbild, zum Verhältnis von Körper und Geist, zur menschlichen Identität sowie zur Frage nach der Seele. Das Qualia Problem ermöglicht dabei einen philosophischen Zugang zu anthropologischen Grundfragen, die anschließend mit religiösen Vorstellungen vom Menschen in Beziehung gesetzt werden können. Von besonderem didaktischem Wert ist, dass das Medium keine einfache Antwort auf die Frage nach dem Verhältnis von Bewusstsein und physischen Vorgängen vorgibt. Stattdessen werden unterschiedliche Argumentationsmöglichkeiten sichtbar. Dadurch können die Lernenden erfahren, dass philosophische und religiöse Fragen nach dem Menschen häufig nicht allein durch die Vermittlung von Fakten beantwortet werden können, sondern eine begründete Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Positionen erfordern.
Als Einstieg bietet sich eine konkrete Wahrnehmungserfahrung an. Die Lernenden können beispielsweise aufgefordert werden, den Geschmack einer Erdbeere, das Empfinden von Zahnschmerzen oder das Erleben der Farbe Rot möglichst genau zu beschreiben. Anschließend wird gefragt, ob eine Person, die sämtliche biologischen und neurologischen Vorgänge einer solchen Wahrnehmung kennt, damit zugleich weiß, wie sich diese Wahrnehmung tatsächlich anfühlt. Auf diese Weise wird das abstrakte Qualia Problem aus einer lebensnahen Situation entwickelt. Erst danach sollte der Begriff Qualia eingeführt werden.
Während der Betrachtung des ersten Teils des Mediums erhalten die Lernenden einen Beobachtungsauftrag zu Thomas Nagel. Sie arbeiten heraus, was mit subjektivem Erlebnisgehalt gemeint ist und welche Funktion das Fledermausbeispiel für Nagels Argumentation besitzt. Zentral ist dabei die Unterscheidung zwischen einer objektiven Beschreibung und einer subjektiven Perspektive. Die Lernenden sollten erkennen, dass eine noch so umfassende Beschreibung körperlicher und neurologischer Vorgänge nicht ohne Weiteres mit dem subjektiven Erleben dieser Vorgänge gleichgesetzt werden kann. Nagels Argument sollte dabei nicht vorschnell als Widerlegung des Physikalismus behandelt werden. Das Medium weist selbst darauf hin, dass seine Überlegungen zunächst die Schwierigkeit verdeutlichen, zu verstehen, wie subjektive mentale Zustände vollständig auf physische Zustände reduziert werden könnten.
Methodisch kann anschließend eine Gegenüberstellung vorgenommen werden. Auf der einen Seite sammeln die Lernenden objektiv beschreibbare Eigenschaften einer Wahrnehmung, beispielsweise Vorgänge im Auge und Gehirn bei der Wahrnehmung einer Farbe. Auf der anderen Seite notieren sie subjektive Eigenschaften derselben Wahrnehmung, insbesondere die Frage, wie es sich anfühlt, diese Farbe zu sehen. Dadurch wird der Unterschied zwischen einer Perspektive von außen und einer Perspektive des eigenen Erlebens anschaulich.
Zur Vertiefung eignet sich das Gedankenexperiment von Frank Jackson besonders gut. Die Lernenden erhalten die Situation der Forscherin Mary zunächst nur bis zu dem Moment, in dem sie ihren schwarz weißen Raum verlässt. Danach formulieren sie eine begründete Vermutung zu der Frage, ob Mary beim ersten Sehen einer Farbe etwas Neues lernt. Erst anschließend wird Jacksons Argumentation aus dem Medium erschlossen. Nach Jackson spricht die Annahme, dass Mary etwas Neues über die visuelle Erfahrung lernt, dafür, dass ihr vollständiges physikalisches Wissen zuvor nicht alle Tatsachen umfasste.
Für eine anspruchsvollere Erarbeitungsphase können die Lernenden Nagels Fledermausbeispiel und Jacksons Gedankenexperiment miteinander vergleichen. Gemeinsam ist beiden Überlegungen die Frage, ob subjektive Erfahrung vollständig durch objektives Wissen erfasst werden kann. Unterschiede können insbesondere hinsichtlich des jeweiligen Gedankenexperiments und der daraus gezogenen Schlussfolgerungen herausgearbeitet werden. Dadurch üben die Lernenden nicht nur die Wiedergabe philosophischer Positionen, sondern auch deren strukturierte Analyse.
Anschließend sollte eine kritische Auseinandersetzung erfolgen. Das Medium selbst bietet hierfür wichtige Ansatzpunkte. So wird als Einwand die Möglichkeit formuliert, dass subjektive Erlebnisgehalte durchaus vollständig aus dem materiellen Gehirn hervorgehen könnten und unsere gegenwärtige Unfähigkeit, diese Reduktion zu erklären, nicht beweist, dass sie grundsätzlich unmöglich ist. Für Jacksons Gedankenexperiment wird zudem der Einwand vorgestellt, dass wir uns möglicherweise lediglich nicht vorstellen können, was es tatsächlich bedeuten würde, alles über Farben zu wissen. Die Lernenden können diese Argumente prüfen und anschließend eine eigene begründete Position entwickeln.
Für den Religionsunterricht bietet sich in einer abschließenden Transferphase die Verbindung zur Frage nach der Seele und zum christlichen Menschenbild an. Die Lernenden können untersuchen, ob die philosophische Schwierigkeit, Bewusstsein vollständig physikalisch zu erklären, bereits einen Beleg für die Existenz einer Seele darstellt. Dabei ist auf eine sorgfältige Trennung der Argumentationsebenen zu achten. Aus der Feststellung einer Erklärungslücke folgt nicht automatisch die Existenz einer vom Körper unabhängigen Seele. Gerade diese Unterscheidung fördert die Fähigkeit der Lernenden, philosophische, naturwissenschaftliche und religiöse Aussagen hinsichtlich ihrer jeweiligen Voraussetzungen und Geltungsansprüche zu unterscheiden.
Als Abschluss kann eine strukturierte Diskussion zur Frage „Ist der Mensch mehr als sein Körper?“ durchgeführt werden. Die Lernenden beziehen Nagel, Jackson, physikalistische Einwände und gegebenenfalls religiöse Vorstellungen vom Menschen ein. Möglich ist auch ein schriftliches philosophisches Urteil, in dem zunächst eine Position dargestellt, anschließend ein Gegenargument formuliert und abschließend ein eigenes begründetes Urteil entwickelt wird. Das Medium eignet sich dadurch sowohl zur Einführung in das Leib Seele Problem als auch zur Vertiefung von Kompetenzen des Wahrnehmens, Deutens, Argumentierens und Urteilens.
Prüfungsfragen für eine Klausur der Jahrgangsstufe 10 mit Musterantworten
Aufgabe 1, Operator: Beschreiben
Beschreibe, was in der Philosophie unter Qualia verstanden wird.
Musterantwort:
Unter Qualia versteht man subjektive Erlebnisgehalte. Gemeint ist damit, wie sich eine bestimmte Wahrnehmung oder Erfahrung für eine Person anfühlt. Beispiele sind das Erleben der Farbe Rot, der Geschmack einer Speise oder das Empfinden von Zahnschmerzen. Qualia beziehen sich damit auf die subjektive Seite menschlicher Erfahrungen.
Aufgabe 2, Operator: Erklären
Erkläre das Qualia Problem und seinen Zusammenhang mit dem Physikalismus.
Musterantwort:
Das Qualia Problem betrifft die Frage, ob subjektives Erleben vollständig durch physische Vorgänge erklärt werden kann. Der Physikalismus geht davon aus, dass mentale Eigenschaften grundsätzlich auf physische Eigenschaften zurückgeführt werden können. Das Qualia Problem stellt diese Annahme infrage, weil eine naturwissenschaftliche Beschreibung des Gehirns möglicherweise noch nicht erklärt, wie sich eine Wahrnehmung für die betreffende Person subjektiv anfühlt. Entscheidend ist deshalb die Frage, ob objektives Wissen über körperliche Vorgänge auch den subjektiven Erlebnisgehalt vollständig erfassen kann.
Aufgabe 3, Operator: Erläutern
Erläutere anhand des Fledermausbeispiels von Thomas Nagel das Problem der subjektiven Perspektive.
Musterantwort:
Nagel geht davon aus, dass eine Fledermaus eigene subjektive Erlebnisse besitzt. Für die Fledermaus fühlt es sich auf eine bestimmte Weise an, zu fliegen und sich mithilfe von Schallwellen zu orientieren. Menschen können möglicherweise sämtliche körperlichen Vorgänge und Verhaltensweisen einer Fledermaus wissenschaftlich untersuchen. Dennoch können sie die subjektive Perspektive der Fledermaus nicht vollständig einnehmen. Das Beispiel soll zeigen, dass eine objektive naturwissenschaftliche Beschreibung nicht selbstverständlich erklärt, wie sich ein bestimmter Zustand subjektiv anfühlt.
Aufgabe 4, Operator: Analysieren
Analysiere Frank Jacksons Gedankenexperiment der Forscherin Mary. Arbeite heraus, weshalb es ein Problem für eine rein physikalistische Erklärung des Bewusstseins darstellen soll.
Musterantwort:
Mary ist eine Forscherin, die in einem schwarz weißen Raum lebt und dennoch sämtliche physikalischen Tatsachen über Farben und Farbwahrnehmung kennt. Als sie den Raum verlässt, sieht sie zum ersten Mal selbst eine Farbe. Entscheidend ist nun die Frage, ob Mary dadurch etwas Neues lernt. Wenn sie beispielsweise erstmals erfährt, wie es sich anfühlt, Rot zu sehen, besitzt sie nach ihrem Verlassen des Raumes Wissen, das sie trotz ihrer vollständigen physikalischen Kenntnisse vorher nicht hatte. Jackson folgert daraus in dem dargestellten Argument, dass es Wissen beziehungsweise Tatsachen geben könnte, die nicht vollständig durch physikalisches Wissen erfasst werden. Damit wird die Behauptung infrage gestellt, sämtliche Tatsachen seien physikalische Tatsachen.
Aufgabe 5, Operator: Vergleichen
Vergleiche Nagels Fledermausbeispiel mit Jacksons Gedankenexperiment der Forscherin Mary.
Musterantwort:
Beide Gedankenexperimente beschäftigen sich mit der Frage, ob subjektives Erleben vollständig durch objektives beziehungsweise physikalisches Wissen erklärt werden kann. Nagel verwendet die Fledermaus, um zu zeigen, dass Menschen die subjektive Perspektive eines anderen Lebewesens trotz umfassenden objektiven Wissens möglicherweise nicht vollständig erfassen können. Jackson fragt dagegen, ob Mary trotz vollständigen physikalischen Wissens etwas Neues lernt, wenn sie erstmals selbst eine Farbe sieht. Gemeinsam ist beiden Argumentationen die Betonung des subjektiven Erlebnisgehalts. Ein Unterschied besteht darin, dass Nagel vor allem die Schwierigkeit einer vollständigen objektiven Erklärung der subjektiven Perspektive verdeutlicht, während Jackson mit seinem Gedankenexperiment weitergehend gegen die Vollständigkeit physikalischen Wissens argumentiert.
Aufgabe 6, Operator: Beurteilen
Beurteile die Aussage: „Wenn wir alle Vorgänge im menschlichen Gehirn naturwissenschaftlich erklären können, haben wir auch das menschliche Bewusstsein vollständig erklärte“
Musterantwort:
Für die Aussage spricht die Annahme des Physikalismus, nach der mentale Zustände letztlich auf physische Vorgänge zurückgeführt werden können. Wenn dies zutrifft, könnte eine hinreichend entwickelte Naturwissenschaft grundsätzlich auch Bewusstsein erklären. Gegen die Aussage sprechen jedoch die im Qualia Problem formulierten Schwierigkeiten. Selbst eine vollständige Beschreibung der Gehirnvorgänge scheint zunächst nicht zu erklären, wie sich eine Erfahrung subjektiv anfühlt. Nagels Fledermausbeispiel und Jacksons Gedankenexperiment verdeutlichen dieses Problem. Allerdings beweist unsere gegenwärtige Schwierigkeit, subjektives Erleben physikalisch zu erklären, noch nicht, dass eine solche Erklärung grundsätzlich unmöglich ist. Deshalb hängt die Beurteilung davon ab, ob subjektives Erleben als vollständig physisch erklärbar angesehen wird oder ob ihm eine eigenständige Qualität zugesprochen wird.
Aufgabe 7, Operator: Erörtern
Erörtere die Frage: „Ist der Mensch mehr als die Summe seiner körperlichen und biologischen Vorgänge?“ Beziehe mindestens ein Argument aus dem Medium und eine religiöse Perspektive ein.
Musterantwort:
Für die Annahme, dass der Mensch mehr als die Summe seiner körperlichen Vorgänge ist, kann das Qualia Problem angeführt werden. Subjektive Erfahrungen wie Schmerz, Freude oder Farbwahrnehmungen scheinen eine persönliche Erlebnisqualität zu besitzen, die sich nicht ohne Weiteres mit einer objektiven Beschreibung von Gehirnvorgängen gleichsetzen lässt. Nagels Fledermausbeispiel macht deutlich, dass die subjektive Perspektive eines Lebewesens möglicherweise nicht vollständig durch eine Betrachtung von außen erfasst werden kann.
Aus religiöser Perspektive kann der Mensch ebenfalls nicht ausschließlich auf seine körperlichen Funktionen reduziert werden. Im christlichen Menschenbild besitzt der Mensch eine besondere Würde und wird in seiner Beziehung zu Gott, zu anderen Menschen und zu sich selbst verstanden. Dies eröffnet eine andere Perspektive als eine ausschließlich naturwissenschaftliche Beschreibung.
Gegen die Annahme, dass subjektives Erleben zwingend auf eine vom Körper unabhängige Wirklichkeit verweist, kann eingewendet werden, dass fehlende naturwissenschaftliche Erklärungen noch kein Beweis für die Existenz einer eigenständigen Seele sind. Es ist grundsätzlich denkbar, dass zukünftige Erkenntnisse das Verhältnis zwischen Gehirn und Bewusstsein besser erklären können. Daher sollte zwischen der philosophischen Frage nach den Grenzen physikalischer Erklärungen und religiösen Aussagen über den Menschen unterschieden werden.
Aufgabe 8, Operator: Stellung nehmen
Nimm begründet Stellung zu der Frage, ob Mary beim ersten Sehen einer Farbe tatsächlich etwas Neues lernt.
Musterantwort:
Es lässt sich argumentieren, dass Mary etwas Neues lernt, weil sie vor dem Verlassen des Raumes zwar alle physikalischen Informationen über Farben besitzt, die eigene Erfahrung einer Farbe aber noch nicht gemacht hat. Beim ersten Sehen von Rot erfährt sie, wie es sich subjektiv anfühlt, Rot zu sehen. Damit scheint eine neue Form von Erkenntnis hinzuzukommen.
Dagegen kann eingewendet werden, dass Mary bei tatsächlich vollständigem Wissen bereits alles über Farbwahrnehmung wissen müsste. Unsere Vorstellung, dass sie zwangsläufig etwas Neues lernt, könnte darauf beruhen, dass wir uns nicht vorstellen können, was vollständiges physikalisches Wissen überhaupt umfasst. Insgesamt zeigt das Gedankenexperiment deshalb vor allem, wie schwierig es ist, das Verhältnis zwischen objektivem Wissen und subjektiver Erfahrung eindeutig zu bestimmen.