Der Artikel präsentiert eine ethnographische Studie zu Lehr- und Lernpraktiken in der hawza al-Ma'had al-sharʿī al-islāmī in Beirut. Landry untersucht, wie Lehrende zukünftige schiitische Gelehrte darin ausbilden, die Scharia (sharīʿa) auszulegen. Der Autor argumentiert, dass diese Pädagogiken Seminarianten bewusst von der modernen Epistemologie der Gewissheit abbringen und stattdessen die Fragilität menschlichen Wissens betonen. Zentral für diese Pädagogien ist eine besondere Kultur des Zweifels, die nicht zu Skeptizismus führt, sondern produktive intellektuelle Debatten ermöglicht. Die Studie organisiert sich um drei ineinandergreifende Lernaufgaben: (1) das Verbinden der verschiedenen Wissenschaften (Quranic exegesis, Hadith-Wissenschaften, Logik), (2) der Umgang mit Zweifel durch intensive Beschäftigung mit konkurrierenden juristischen Positionen, und (3) die Erweiterung der Tradition durch ijtihād (unabhängiges juridisches Reasoning). Besonders relevant ist die Vermittlung der Uṣūlī-Philosophie, die Zweifel nicht als zu überwindendes Hindernis, sondern als konstitutiven Teil der Rechtsfindung begreift. Der Autor zeigt, dass die Fähigkeit zur Durchführung von ijtihād nicht allein auf Expertenwissen und klassischen Texten basiert, sondern wesentlich von spezifischen pädagogischen Techniken abhängt, etwa von debatten-zentriertem Unterricht. Die Schlussfolgerung betont, dass hawza-Gelehrte nicht primär danach streben, den Islam zu modernisieren, sondern die islamische Rechtstradition in die Gegenwart zu erweitern und responsiv gegenüber zeitgenössischen Herausforderungen zu halten.