Der Artikel befasst sich mit einer zentralen Herausforderung der zeitgenössischen Lehrkräfteausbildung: Wie können angehende Religionslehrkräfte für interreligiöses Begegnungslernen qualifiziert werden? Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Pluralisierung und Zuwanderung seit den 1950er Jahren hat sich Deutschland zu einer multioptionalen Gesellschaft entwickelt, in der traditionelle religiöse Strukturen erheblich verschoben haben. Während kirchliche und staatliche Institutionen die Notwendigkeit interreligiöser Kompetenz längst erkannt haben, ist diese Dimension in der konfessionellen Lehrkräfteausbildung bislang nicht systematisch verankert. Der Text entwickelt einen theoretischen und empirischen Zugang zur Analyse dieser Lernprozesse.
Methodisch verbindet der Beitrag religionstheologische und komparativ-theologische Perspektiven mit qualitativer Empirie. Religionstheologie bietet Kriterien zur Außenbeschreibung von Einstellungen und Haltungen – ob exklusivistisch, inklusivistisch oder pluralistisch ausgerichtet. Komparative Theologie hingegen erschließt die inneren Bewegungen von Diskursen, indem sie Perspektivenwechsel und die Würde der Anderen ernst nimmt. Die dokumentarische Methode ermöglicht es, implizite Strategien und Diskursverhalten zu rekonstruieren. Die Analyse christlich-muslimischer Dialogsituationen zeigt, wie Lernende mit strittigen Fragen ihrer eigenen Traditionen umgehen und welche Haltungen sie ausbilden.
Der Artikel argumentiert für eine „reflexive Empirie", die Theorie und empirische Forschung nicht gegenüberstellt, sondern produktiv miteinander verschränkt. Dies eröffnet Perspektiven für die Institutionalisierung interreligiöser Dialoge in der Lehrkräfteausbildung – nicht als marginale Initiative einzelner Standorte, sondern als systematische Komponente religiöser Fachlichkeit.