Lehrpersonen im Religionsunterricht befinden sich in einem Spannungsfeld widersprüchlicher Erwartungen: Sie sollen erkennbar ihre religiöse Bindung vertreten und damit glaubwürdige Vorbilder sein, gleichzeitig aber neutral bleiben und Schüler:innen nicht zu beeinflussen. Dieser Beitrag, der auf einem Workshop der GwR-Jahrestagung 2022 basiert, untersucht, warum „Neutralität" im konfessionellen Religionsunterricht nicht möglich und auch nicht wünschenswert ist. Die Autorin argumentiert, dass Lehrpersonen unweigerlich in Rollen gedrängt werden, die ihnen von außen – durch institutionelle, kirchliche und schulische Erwartungen sowie durch die Schüler:innen selbst – zugeschrieben werden. Diese Positionierungen sind oft unausgesprochen, prägen aber massiv, wie Lehrpersonen wahrgenommen werden und wie sie handeln können. Basierend auf empirischen Daten und konkreten Schüler:innenäußerungen zeigt die Analyse, dass gerade die Vermeidung einer erkennbaren Position zu Irritationen führt: Schüler:innen wissen oft nicht, ob ihr Unterricht evangelisch ist oder ob die Lehrperson selbst gläubig ist. Paradoxerweise entsteht dadurch aber auch ein Raum der „In-Differenz", in dem Lehrpersonen aus Angst vor Überwältigung oder Missionierungsvorwürfen ihre Perspektive zurückhalten. Der Beitrag arbeitet heraus, dass echte religionspädagogische Kompetenz darin liegt, die eigenen Positionen bewusst zu reflektieren, transparent zu machen und gleichzeitig den Schüler:innen Raum für ihre eigenen Positionierungsfindungen zu geben – nicht trotz, sondern wegen der erkennbaren Bindung der Lehrperson.